Das Interview

Niederlage – Rant – Medienrummel. Ein ziemlicher Wirbel für einen, der das Finale verpasst hat. Doch als einziger deutscher WM-Teilnehmer über 110m Hürden und 7x dt. Meister findet seine Kritik Gehör … und Anerkennung einiger Mitstreiter. Hürdensprinter Matthias Bühler (30) mit der entschleunigten Version dessen, was am Rande der Londoner Tartanbahn überkochte.


Das Interview von London - Hintergrundinformationen & Original-Video

Das Interview, das ich nach meinem Rennen bei der WM in London gegeben habe, war nichts Spontanes. Ich wollte mich öffentlich einfach dazu äußern, dass ich seit Jahren einfach schon unzufrieden bin. Das hatte ich mir vorher schon überlegt. Ich habe die Situation in den vergangen Jahren ja auch schon immer wieder angesprochen, doch es wurde nie so veröffentlicht oder gar gehypt wie jetzt. Es wurde kurzfristig nach meinem Interview ziemlich viel darüber berichtet und das finde ich auch gut. Ich bin mir ja auch bewusst, dass ich da nicht nur für mich spreche, sondern auch für viele Sportler aus unterschiedlichen Sportarten in Deutschland, die eben genau das gleiche Problem haben. Sportler, die hochprofessionell trainieren aber nicht gefördert oder entlohnt werden. Ich habe das Thema immer und immer wieder angestoßen, aber es wurde nie etwas umgesetzt. Ich hoffe, dass die Aufmerksamkeit jetzt dabei hilft, dass sich etwas ändert. Die Sportler müssen sich einfach immer wieder beschweren, wenn sie am bestehenden System etwas ändern wollen.

Ich habe nicht damit gerechnet, dass so viel darüber berichtet wird. Ganz ehrlich. Ich habe gedacht, dass vielleicht eine Zeitung darüber schreibt, aber dass die ganz Großen, wie die Welt, SpiegelOnline oder die Süddeutsche darüber berichten, hätte ich nicht erwartet, aber ich habe mich natürlich darüber gefreut. Natürlich lese ich fleißig die Kommentare – ein paar Negative sind wie immer dabei, aber die breite Mehrheit ist doch echt positiv – und habe auch schon einige Mails von anderen Sportlern oder auch Sportbegeisterten bekommen, die sagen: „Wir finden es gut, dass du das öffentlich ansprichst!“ Viele fragen dabei auch, was jetzt passiert. Das liegt natürlich nicht in meiner Hand. Allerdings glaube ich nicht, dass da akut viel passieren wird, auch wenn das Thema jetzt gerade medial stark durchgenommen wurde.

Ich bin seit Jahren schon unzufrieden, aber der Effekt hat sich eben noch verstärkt, seit ich regelmäßig in den USA in einer internationalen Trainingsgruppe trainiere und mitbekomme, wie die Finanzierung in anderen Nationen abläuft. Athleten aus Frankreich oder England ist es beispielsweise möglich, einen monatlichen Förderbeitrag zu bekommen, auch wenn sie nicht das ganze Jahr in dem Land trainieren, indem ihr Verband ansässig ist. In Deutschland bestehen die allermeisten Vereine darauf, dass man ganzjährig mit ihren eigenen Trainern in Deutschland trainiert, auch im Winter, und entsprechend die vereinzelten Trainingslager wahrnimmt.

Für mich hat mein Training in Amerika während der Wintermonate auch die Konsequenzen, dass viele deutsche Vereine mit mir nicht zusammenarbeiten wollen. Für mich ist das unverständlich, denn ich trainiere bewusst dort und mit den besten Athleten der Welt um Ziele zu erreichen und Erfolge zu erringen. Auch vom deutschen Verband habe ich in diesem Jahr keine Unterstützung bekommen, im Gegensatz zu Athleten, die beispielsweise am Bundes-Trainingslager teilgenommen haben. Mit der Eintracht Frankfurt habe ich in diesem Jahr zwar einen Vertrag abschließen können, der mir meine Trainingsmethoden ermöglicht, aber auch das war ein hartes Stück Arbeit. Von über 20 anderen Teams habe ich eine Absage bekommen – alle mit der gleichen Begründung. Angeblich könne ich nicht den Verein repräsentieren, obwohl ich ja die gesamte Freiluftsaison in Deutschland bin. Das ist für mich schon unverständlich.

Ich habe auch von einigen anderen Hürdensprintern das Feedback bekommen, dass sie auch gerne meine Trainingsmöglichkeiten nutzen würden, es sich aber einfach nicht leisten können. Für mich selbst ist das Ganze auch nur in diesem Ausmaß möglich, da meine Eltern mich finanziell unterstützen. Das ist mit mittlerweile 30 Jahren natürlich auch nicht der Plan gewesen, von den Eltern gesponsort zu werden. Aber nur so ist es aktuell für mich möglich.

Ich habe durch meine regelmäßigen Amerikaaufenthalte, die ich, wie beschrieben, aus leistungsorientierten Gründen durchführe, sehr hohe Kosten in jeder Saison. Zu diesen bin ich mehr oder weniger gezwungen, weil ich dort die besten internationalen Trainer und sehr gute Trainingsmöglichkeiten für die Wintermonate finde. Deswegen muss ich eigentlich diesen Zeitraum im Ausland bleiben und trainieren, wenn ich in der Weltspitze mitmischen möchte. Wie will man einen solchen Trainingsaufwand in Deutschland denn finanzieren? Wenn man bei der Polizei oder bei der Bundeswehr ist, dann muss man jedes Jahr mehrere Monate lang die entsprechenden Dienste ableisten. Das bedeutet für die Athleten einfach mehrere Monate, in denen sie nicht trainieren und folglich mit entsprechenden Trainingsrückständen in die Saison gehen. Eine Weltspitze, die das ganze Jahr über trainieren kann, wird uns so nur noch mehr davonlaufen. Ich selbst habe die Erfahrung ja auch gemacht. Während meines Grundwehrdienstes hatte ich die schlechteste Saison meiner Karriere. Das ist ja auch ganz logisch, wenn man die zeitliche Komponente betrachtet.

Die Vereine in Deutschland haben eben auch nicht mehr so viel Geld, dass sie die Athleten voll finanzieren könnten, sodass diese davon leben könnten. So hat man kaum Möglichkeiten, sich als Sportler zu finanzieren und sich einzig und allein auf den Sport zu konzentrieren. Ich kann natürlich nur für die Leichtathletik sprechen, aber viele viele Vereine haben große Probleme, Sponsoren zu finden. Das ist zum Teil auch den Medien geschuldet, da sie den Fokus so sehr auf den Fußball legen. Von der dritten Liga zu U18 Weltmeisterschaften hat der Fußball eine so viel stärkere Medienpräsenz. So haben einige große Vereine Probleme und es ist auch schon der ein oder andere Verein pleite gegangen bzw. kann seine Athleten nicht mehr entsprechend finanzieren. In den letzten Jahren sind auch viele Meetings ausgestorben, die Ausrüster ziehen sich immer stärker zurück. Und als ich in einem Interview kürzlich gesagt habe, die Leichtathletik gehe zu Grunde, da habe ich es auch so gemeint. Da passt es natürlich nur zu gut ins Bild, dass die Fernsehübertragung der Leichtathletik WM am Dienstag unterbrochen wurde, um das Fußballspiel zwischen Real Madrid und Manchester United zu zeigen. Lächerlich, wenn man mich fragt, aber es zeigt nun einmal wie die (mediale) Aufmerksamkeit verteilt ist.

Die Sportförderung ist dabei auch so eine Sache: Für den A-Kader gilt ja in der Leichtathletik: Top 8. Es bekommen also diejenigen Athleten diese Förderung, die in den Endlauf erreichen, sprich unter die letzten Acht kommen. Ich mache nun einmal Hürdensprint und seit 20 Jahren war kein deutscher Hürdensprinter mehr in einem WM Finale. Da müsste man die Richtwerte entsprechend anpassen, wenn man die Disziplinen entsprechend nachziehen will. Natürlich geht so etwas nicht ohne Leistungsbezug, aber wenn man unter den Top 20 der Welt ist, dann sollte schon eine gewisse Basis-Förderung gegeben sein. Und wenn man eben den Endlauf oder gar eine Medaille erreicht, dann müssten die Fördergelder entsprechend angepasst werden. Ich kenne natürlich die finanziellen Möglichkeiten des Sportministeriums nicht, aber ich würde mir wünschen, dass eine Top 10-Platzierung bei einer Europameisterschaft beispielsweise dafür ausreicht, im Folgejahr eine gewisse Basisförderung zu erhalten. Die unzähligen Leistungssportler arbeiten so hart, um Leistungen zu bringen und um Deutschland und den Verband im internationalen Wettbewerb zu repräsentieren, da wäre es ein großer Vorteil, eine Minimalgrenze zu erreichen, mit der man als Athlet für das kommende Jahr entsprechend planen kann. Das würde auch die Situation für die Vereine entsprechend erleichtern. Auf entsprechendem Niveau, in der absoluten Spitze, sollte es einfach gewährleistet sein, dass Sportler wie Leichtathleten von ihrer Karriere leben können. Es kann ja in einem Pyramiden-Prinzip gestaffelt sein, aber eine monatliche Basisfinanzierung ist in meinen Augen absolut notwendig, um vielen Sportlern ihre Existenzängste zu nehmen und sie davon abzuhalten, teils vielversprechende Karrieren frühzeitig aus Geldsorgen zu beenden. Ich hoffe, dass die mediale Aufmerksamkeit die Verantwortlichen dazu bewegen kann, den Sportlern zu helfen, einen Weg zu finden, wie sie ihren Sport ausüben und das volle Potenzial aus sich herausholen können!

Matthias Bühler
Mit seinem ZDF-Interview unmittelbar nach seinem Ausscheiden bei der aktuell laufenden Leichtathletik-WM hat Matthias Bühler ordentlich für Aufsehen gesorgt. Bei Wortathleten schreibt der Hürdensprinter über die Hintergründe seines Ausbruchs.

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