BEN BERGER / DENKSPORT

Der ultimative Wortathlet 1/2

Ben (31, dt. Meister im Scrabble) sah Wortathleten.de und sagte zu uns „Die Seite ist ja cool, aber der wahre Wortathlet, das bin ja wohl ich!“ Da konnten wir ihm nur schwer widersprechen. Im ersten Teil seiner Geschichte erzählt er vom israelischen Scrabble-Bootcamp, Weltmeisterschaften und vom Wörterkloppen.


Ich spiele seit 2007 Scrabble. Ich habe bei einem Auslandssemester in Israel damit angefangen. Mein damaliger Mitbewohner im Studentenwohnheim, ein Amerikaner, hat mich einmal zu einem Club zwei Querstraßen weiter mitgenommen und dort wurde auf Englisch gespielt. Einer der größten englischsprachigen Clubs weltweit. Und dort gab es die komplette Bandbreite – von einem ehemaligen Weltmeisterschaftszehnten bis zu einer 85-Jährigen, die sich nur langsam verbessert. Und diese große Bandbreite war in diesem Club vertreten, das hat mich einfach angemacht. Der Jüngste war 17, die Älteste ist vor kurzem mit 94 gestorben. Alleine als Student im Auslandssemester war es ein großartiger Einblick in die Gesellschaft vor Ort. Ich hatte schon immer Spaß am Wortspiel, Spaß am Scrabble. Aber bei den Spielen mit Oma oder Papa am Küchentisch gab es immer das Problem, nach welchen Regeln man spielt, welche Wörter erlaubt sind und so weiter … Das ist in einem Verein oder eben im Turnierscrabble ganz klar geregelt.

Als ich vom Auslandssemester zurück in Konstanz war, wollte ich direkt weitermachen und bin dann nach Zürich, einem ganz florierenden Treff, verwiesen worden. Dort hat mich die Schweizer Grande Dame des Scrabble dann unter ihre Fittiche genommen. Dann bin ich wenige Monate später auch zu einem deutschsprachigen Turnier nach Hamburg gefahren und wurde dort gleich Zweiter, einfach weil ich über das englischsprachige Scrabble einfach schon einiges an Taktik und Strategie und auch Wortlernen schon mitgenommen hatte.


Muss einfach unfassbar viele Wörter in sein Hirn reinbringen

Es gibt natürlich gewisse Unterschiede zwischen deutschem und englischem Scrabble, aber einige der Grundfähigkeiten lassen sich sicherlich übertragen. Im Englischen gibt es beispielsweise eine feste Gruppe von sehr wichtigen Buchstaben, mit der man umgehen können muss, wenn man sie zieht. Und im Deutschen ist es viel paritätischer. Im Englischen ist das S zum Beispiel ein sehr sehr wichtiger Buchstabe, weil man automatisch mehr Punkte bekommt, dadurch dass man im Englischen fast bei jedem Wort ein S ans Ende setzen kann – sei es zur Pluralbildung oder als Verbform in der dritten Person Singular. Im Deutschen hat dieser Buchstabe eine andere Funktion. Diese taktisch-strategischen Elemente muss man natürlich für alle Buchstaben kennen. Für mich hat das Lernen vom ehemaligen Weltmeisterschaftszehnten aus Israel auf jeden Fall schon so viel gebracht, dass ich bei meiner Rückkehr nach Deutschland schon relativ weit oben mit einsteigen konnte. Seitdem stehen 17 Turniersiege zu Buche und ich bin Ranglisten-Erster in Deutschland. 2011 habe ich Deutschland bei einer (allerdings englischsprachigen) Weltmeisterschaft vertreten. An der Tatsache, dass ich glorreicher 103. von 106 Teilnehmern wurde, sieht man, dass ich im Englischen nur einer unter Vielen bin. Aber durch die internationalen Kontakte von diesen Scrabble-Turnieren habe ich schon Freunde in Australien besucht oder habe auf großen Turnieren in den USA und in Israel mitgespielt. Für mich macht das internationale Element einen großen Reiz aus. Neben den klassischen Ländern sind nämlich auch Länder wie Thailand, Pakistan oder Nigeria sehr stark. Aber es ist gar nicht mal gesagt, dass man als Muttersprachler besser im Scrabble ist. Ab einem gewissen Level muss man einfach unfassbar viele Wörter in sein Hirn reinbringen.

Sehr viel des Scrabble-Trainings ist, böswillig formuliert, ‚Wörter-Kloppen‘. Da muss man differenzieren zwischen Spielern, die von ihrem natürlichen Wortschatz leben und denen, die in den letzten Jahren auch sehr stark die deutsche Szene dominiert haben. Diese Spieler arbeiten aktiv an der Vergrößerung ihres Wortschatzes. Dafür gibt es Programme wie Zyzzyva, ich glaube das ist ein Tier, jedenfalls ist es eins der letzten Worte im englischen Scrabble. Dieses Programm gibt dir Alphagramme. Das heißt, das Programm gibt dir beispielsweise alle Worte mit vier Buchstaben, die ein Y enthalten. Du bekommst also N-O-P-Y und machst daraus Pony. A-B-B-Y wird Baby und so weiter. Ein solches Karteikartensystem ist manchmal nicht das Allerspannendste, aber es ist einfach eine Fleißaufgabe, die ich 15 Minuten täglich mache. Das haut rein, weil man eben auch die entsprechenden Muster erkennt. Wenn ich einen Karsten treffe, sehe ich direkt ‚ankerst‘ und die anderen 14 Möglichkeiten, die man aus den Buchstaben bilden kann. Ich sehe also schon irgendwie die Matrix. Es ist einfach eine Automatisierung. Aus Thorsten Leibenath könnte man beispielsweise ‚teilhaben‘, ‚abheilten‘ und vier andere Anagramme machen, das habe ich die Tage auf Wortathleten.de gesehen. (lacht) Das sind einfach Reflexe.

Am Ende ist Scrabble Mathematik

Darüber hinaus lernt man über das Spielen auch eine Menge dazu. In Heidelberg habe ich beispielsweise während meines Referendariats regelmäßig mit dem besten Spieler unter 30 gespielt. Da haben wir uns auch immer gegenseitig die Anagramme verschiedenster Wörter abgefragt. Das hilft eigentlich immer relativ viel. Viele Spieler schreiben sich darüber hinaus auch ihre Bänkchen [also die Buchstaben, die sie in der jeweiligen Runde gezogen haben] auf, um nachträglich analysieren zu können, ob sie das Maximum aus den ihnen zur Verfügung stehenden Buchstaben gemacht haben. Meistens versucht man ja natürlich alle sieben Buchstaben auf einmal loszuwerden, denn dafür gibt es eine Extraprämie von 50 Punkten. Das ist besonders effektiv, deshalb lernen viele vor allem sieben und acht Buchstaben beinhaltende Wörter. Da besteht allerdings auch die Gefahr, öfter mal ein Scrabble zu übersehen. Aber ganz spannend wird es strategisch vor allem am Ende des Spiels, denn wir dürfen Strichlisten für die benutzten Buchstaben führen. Sprich, ich weiß am Ende genau, welche Buchstaben mein Gegenüber noch auf der Hand hat und versuche natürlich ihm seine Möglichkeiten – vor allem für wertvolle Buchstaben wie das Q – so gut es geht zu verbauen und beispielsweise ein freiliegendes U zuzustellen. Da sehe ich bei mir selbst auch noch eindeutige Schwächen.

Beim Scrabble gibt es keine bestimmten Eröffnungen wie beim Schach, sondern jedes Spiel ist anders. Das macht für mich einen großen Reiz aus – bedeutet aber auch, dass das Ende eines jeden Spiel extrem durchdacht werden muss. Da habe ich alle Informationen und das Spiel wird sehr mathematisch. Auch dafür gibt es Computerprogramme. Da sieht man eben den Unterschied zu den englischsprachigen Spielern, die uns einfach Jahrzehnte voraus sind. Auch damit kann man sehr computerlastig lernen. Viele Spieler spielen aber auch auf sehr hohem Niveau ohne Computer, aber für mich ist es eben sehr reizvoll herauszufinden, wie weit ich noch kommen kann und wie ich mich noch verbessern kann. Da ist vieles dann auch oft ein Kampf gegen mich selbst. Mittlerweile ärgere ich mich viel weniger über schlechte Buchstaben als über Fehler, die ich selber mache.

Im zweiten Teil der Geschichte erzählt Ben warum gute Spieler mehr Notausgänge kennen, deckt die Geschichte von Heidenei-Gate auf und beantwortet die Frage, ob Denksport ein Sport ist.

Ben Berger
Ben (31) ist nicht nur dt. Meister im Scrabble sondern auch noch hauptberuflicher Buchstabenverdreher (aka. Jurist). Der Typ sieht also die Matrix. Selten passte der Begriff Wortathlet so genau wie bei ihm.

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