BEN BERGER / DENKSPORT

Der ultimative Wortathlet 2/2

Ben (31, dt. Meister im Scrabble) sah Wortathleten.de und sagte zu uns „Die Seite ist ja cool, aber der wahre Wortathlet, das bin ja wohl ich!“ Da konnten wir ihm nur schwer widersprechen. Im zweiten Teil seiner Geschichte erzählt er, warum gute Spieler mehr Notausgänge kennen, deckt die Geschichte von Heidenei-Gate auf und beantwortet die Frage, ob Denksport ein Sport ist.


Viele sagen, Scrabble ist ein Glücksspiel, weil wir eben die Buchstaben aus dem Säckchen ziehen. Jedes einzelne Spiel mag zwar diese Komponente des Glückspiels haben, aber bei acht oder neun Turnieren (jeweils 30 – 80 Teilnehmern), die ich im letzten Jahr gespielt habe, bin ich einmal Vierter, einmal Dritter und ansonsten Erster oder Zweiter geworden. Und das kann man dann auch nicht mehr mit Glück erklären. Ein großer Unterschied zwischen guten und schlechten Spielern ist der Umgang mit schlechten Bänken. Man sieht sofort, dass die Bank nicht viel hergibt, aber gute Spieler kennen eben mehr Notausgänge. Sie nehmen zum Beispiel über ein ganz komisches Wort doch noch ein paar Punkte mit und müssen nicht tauschen. ‚Iritis‘ zum Beispiel bringt nicht viele Punkte, würde aber das Problem zu vieler Is lösen ohne zu Tauschen. Generell wissen die guten Spieler besser, wie sie das Tauschen von Buchstaben vermeiden können. Das bringt Punkte auch mit schlechten Buchstaben. Außerdem ist ein Unterschied ob ich mir sicher bin, dass es ein Wort gibt, oder nicht. Der gute Spieler weiss(!), dass HEIDENEI ein gültiges Wort ist. Andere müssen raten.

Ist Denksport Sport?

Die Frage ist ja eigentlich uralt. Ich persönlich mag in Bezug auf das Scrabble-Spiel schon den Begriff des Denksports oder des Wettkampfs. Ich habe selbst lange Basketball gespielt und meine Schwestern waren lange Jahre im Leistungssport Basketball unterwegs, eine sogar in der Nationalmannschaft. Ganz fremd sind Sport und Denksport daher für mich nicht. Der Vergleich hinkt natürlich etwas, wenn man darauf besteht, dass eine körperliche Leistung erbracht werden muss. Die älteste Turniersiegerin, die ich erlebt habe, war 82 Jahre alt und sie spielt weiterhin auf hohem Niveau. Da kann man Scrabble nicht mit anderen Sportarten, die eine körperliche Ertüchtigung erfordern, vergleichen. Das muss aber, wie in diesem Beispiel, auch nicht unbedingt ein Nachteil sein.

Man kann natürlich darüber diskutieren, ob die Athletik fehlt um den Begriff Sport zu verwenden – das ist ja auch beim Darts zum Beispiel immer wieder aktuell. Aber wenn man mal ein Turnier über vier oder fünf Tage gespielt hat (Bei deutschen Meisterschaften gibt es beispielsweise sieben oder bei Weltmeisterschaften neun Spiele pro Tag.), dann ist man am Ende auch körperlich erschöpft. Das kann man sich vorstellen wie fünfstündige Klausuren. Da der Körper ja die ganze Zeit die Denkleistung vollbringen muss, finde ich solche großen Turniere am Ende auch immer körperlich anstrengend. Sicherlich ist die Frage nach der Leistung berechtigt und ich würde auch gar nicht vorschlagen, dass Scrabble eine eigene olympische Disziplin wird. In England läuft ganz aber beispielsweise aktuell eine Initiative, damit Scrabble offiziell als Sport anerkannt wird. Ich bin da eher ein bisschen skeptisch und fände schön, wenn wir so anerkannt wären wie Schach.

Festgefahren auf einen bestimmten Begriff bin ich gar nicht. Für mich ist allerdings der Wettkampfgedanke sehr wichtig, auch wenn der Aspekt der sportlichen Aktivität fraglich ist. Der Wettkampf, das sich miteinander Messen ist aber nicht von der Hand zu weisen. Außerdem gibt es eine große Bandbreite von Spielern aller Altersgruppen mit verschiedensten Hintergründen die sich miteinander misst – gerade auch im internationalen Bereich.

Körper und Geist hängen zusammen

Die körperliche Fitness steht zwar nicht im Vordergrund, es ist aber zu beobachten, dass die Spieler, die auf hohem Niveau spielen, auch physisch fit sind. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Ein schönes Beispiel ist hierfür auch der Neuseeländer Nigel Richards, eine Ikone des Scrabbels. Er hat die französische Weltmeisterschaft im Scrabble gewonnen – ohne die Sprache zu sprechen! Er hat in zwei Monaten die benötigten Worte als Liste gelern. Abgefahrener Typ. Er hält sich mit seinen fast 50 Jahren parallel zum Denksport auch körperlich fit. Und auch mir selbst fällt es auf, dass ich meine Topleistung nicht abrufen kann, wenn ich mich körperlich nicht fit fühle. Es ist meiner Meinung nach definitiv hilfreich, um in Wettkämpfen über mehrere Tage die Konzentration aufrecht zu erhalten. Auf der anderen Seite sind ein paar Kilos zu viel dann soo schlimm auch wieder nicht.

Mir persönlich ist die Bezeichnung Sportler gar nicht so wichtig, ich würde mich einfach als Scrabble Spieler bezeichnen. Dann kann sich jeder Gedanken machen, ob er das als Sport empfindet oder nicht. Respektlos fand ich nur, gerade in meiner Anfangszeit, dass Leute dann kommen und sagen „Wo hast du denn das Turnier gespielt? Im Altersheim?“. Solche Sprüche finde ich ganz einfach despektierlich gegenüber Spielern, die teilweise mit über 80 Jahren noch auf hohem Niveau diesen kognitiv anspruchsvollen und anstrengenden Wettkampf ausüben. Darüber habe ich mich schon geärgert. Aber die Kategorisierung Sport oder nicht wird dem Thema auch gar nicht wirklich gerecht. Wir spielen spannende Wettkämpfe, man kann viel lernen und trainiert auf jeden Fall das Gehirn. Ich kann nur jeden einladen, sich bei einer deutschen Meisterschaft vier Tage dazuzusetzen und zu überlegen, ob er in der Lage wäre, da ansatzweise mitzuhalten. Der Eintritt ist frei und es ist auch immer schön zu sehen, wie ein überheblicher 25- oder 30-Jähriger von einer 80-Jährigen von oben bis unten auseinandergenommen wird. (grinst)

Ben Berger
Ben (31) ist nicht nur dt. Meister im Scrabble sondern auch noch hauptberuflicher Buchstabenverdreher (aka. Jurist). Der Typ sieht also die Matrix. Selten passte der Begriff Wortathlet so genau wie bei ihm.

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