Eine kurze Geschichte der Fans

Ich bin kein Fan-Beauftragter. Ich muss das nicht machen. Ich muss auch diese Geschichte nicht schreiben. Aber ich will! Denn die Beziehung zu den Fans ist etwas ganz Spezielles. Etwas Eigenes. Etwas, das auch sportlichen Einfluss hat.

Ich habe mich in noch keiner meiner Stationen so angekommen gefühlt, wie in dieser. Warum? Na da wird es schon komplexer.

Von Trier über die Bayern und Quakenbrück bis nach Bayreuth habe ich ja schon die eine oder andere Station als Profi erlebt. Dass ich mich nirgendwo so gefühlt habe, wie hier in Bayreuth, mag vielleicht einerseits an der Nähe zu meiner geliebten Heimatstadt Nürnberg liegen. Ich könnte, wann ich immer ich will, dorthin flüchten um – umgeben von Freunden und Familie – dem Basketballalltag zu entkommen … allerdings habe ich dieses Bedürfnis deutlich seltener als in meinen Jahren zuvor.

Es ist diese Symbiose aus familiärem Zusammenhalt und Leidenschaft. Mit dem Bayreuther Volk kann ich mich zu 100% identifizieren. Auch wenn die Wagnerstadt in Oberfranken liegt, kann ich als gebürtiger Mittelfranke diese Grenze vergessen. Wir sind Franken und damit ein ganz eigener Schlag Menschen. Wenn uns was nicht passt, dann wird’s schonungslos gesagt. Wenn wir schlecht gelaunt sind, dann lassen wir es alle wissen. Wir lieben deftiges Essen und ein gutes Bier. Gute Voraussetzungen für eine innige Liebe.

Was macht Bayreuth so besonders?

Einer meiner besten Freunde (Stefan Schmidt aka “Steps“) hat mir schon vor vielen Jahren von Bayreuth vorgeschwärmt, als er an den roten Main gewechselt ist, um mit BBC Bayreuth in die erste Liga aufzusteigen. Damals war ich als Zuschauer beim Aufstiegsspiel unter der Hallendecke gesessen, hab ungefähr gar nichts vom Spiel gesehen und dachte mir: ‚Was ist das für ein verrückter Scheiß hier? Und überhaupt, was stimmt denn mit dem Hallensprecher nicht? … Doch jetzt bin ich auch über beide Ohren verliebt … verliebt in diesen grandligen Teambetreuer Eddy, den ich vor jedem Heimspiel in die Arme nehme, weil wir uns doch so gleich sind … verliebt in diese Oberfrankenhalle, die sich meist jeden zweiten Samstag gegen 20 Uhr in die besagte Oberfrankenhölle verwandelt … verliebt in diese Fans, die sich Tickets kaufen um das Spiel von Plätzen zu verfolgen, von dem man eigentlich nur die Eckfahne sehen kann (zum Glück treffe ich meine meisten Dreier aus besagter Ecke, muahahaha) … ja, verliebt in diesen Hallensprecher … in die Aufbauhelfer, die aus der JVA raus dürfen und für uns die Tribüne aufbauen. Ja auch zu ihnen baut man eine Beziehung auf, die zwar nur aus einem Servus kombiniert mit einem Kopfnicken besteht, aber trotzdem gehören sie zu dieser Liebesgeschichte … Und dann dieser verrückte Fanblock, vollgestopft mit ganz eigenen verrückten Charakteren. Zusammen geben sie alles für diesen Verein und diese Mannschaft. Sprachlos war ich, als ich das erste Mal die wahnsinnigen Typen gesehen habe, die sich eine Kopie meines Bartes gemacht haben und nun so zu den Spielen kommen. Das gewohnte Siegerselfie mit Siegerfaust nach der Ehrenrunde ist schon zur Selbstverständlichkeit geworden. DAS IST BAYREUTH!

Wenn man in einer solchen Situation ist, in der Sportler, Verein und das Umfeld so miteinander harmonieren, dann wirkt sich das auch darauf aus, was man tut. Ich glaube, das ist ganz individuell und wahrscheinlich in den meisten Fällen nicht unbedingt etwas Materielles. Ich kann nur von meiner eigenen Erfahrung erzählen. Wenn man eine gewisse Sympathie mit einigen Fans aufbaut, dann setzt man sich auch mal auf einen Kaffee zusammen und ratscht über mögliche Verbesserungen der Verbindung zwischen Fans und Mannschaft. Oder wenn ich – wie fast jeden Mittwoch – ins Cafe Louis zum Abendessen gehe und meine liebe Irmgard Bergner am Tresen Kniffel spielt, dann wird natürlich ein kleines Schwätzchen gehalten. Über die sozialen Netzwerk ist es natürlich auch ziemlich einfach Kontakt zu haben und dem ein oder anderen Fan ein Freude zu bereiten. Der ein oder andere Autogrammwunsch wird da natürlich persönlich verziert. Es gibt zum Beispiel einen langjährigen Fan, dem ich jedes Jahr nach der Saison meine Schuhe schicke, die ich während der Saison getragen haben.

Natürlich kommen auch von Vereinsseite gewisse Ratschläge, wie man mit den Fans umgehen soll, bzw. Pflichttermine an denen man teilnehmen muss. Für manche Jungs ist das ungewohnt. Es sind beispielsweise immer zwei Spieler des Vereins beim Stammtisch unserer Bayreuth B.A.T.S. Dort werden dann Fragen von Seiten der Fans gestellt, oder es wird sich einfach nur ausgetauscht. Es ist ein sehr familiäres Miteinander, vor dem die meisten neuen Spieler immer etwas scheu sind. Wenn man sie dann allerdings fragt, wie der Stammtisch war, dann sind eigentlich fast alle immer sehr angetan. Das muss auch jeder Spieler der nach Bayreuth kommt so akzeptieren und auch ein Stück weit leben, denn das gehört zu diesem Standort dazu. Es ist eine kleine Stadt mit vielen treuen Anhängern, ohne die Fans wäre der Standort nicht das, was er heute ist: ein Traditionsverein der einen fantastischen Ruf in der Liga hat.

Ein Highlight ist beispielsweise auch immer die Weihnachtsfeier des Fanclubs, bei der ich jetzt schon das zweite Mal die Ehre hatte, den Nikolaus zu spielen. Dieses Engagement läuft nicht über den Verein, das bespreche ich persönlich mit meiner lieben Sibylle, der Vorsitzenden des Fanclubs. Ich denke das ist das Mindeste was man tun kann, um danke zu sagen für die unendlichen Kilometer, die sie jede Saison auf sich nehmen um uns auch auswärts zu unterstützen.

Als Journeyman ist es natürlich nicht leicht

Natürlich kann man nicht zu allen Fans bei allen Stationen Kontakt halten, doch man schafft es schon zu einigen die Verbindung aufrecht zu erhalten. Die Fans meines Heimatvereins in Nürnberg sehe ich noch regelmäßig, wenn ich mal wieder den Verein in der ProA unterstütze. Dort hat sich auch nichts verändert, als wäre die Zeit stehen geblieben. Es wird sich herzlich umarmt und von den alten Zeiten geschwärmt. Nürnberg ist das beste Beispiel, wie Fans einen Verein prägen können oder wie auch die Fans untereinander sympathisieren. Der Verein stand kurz vor dem Aus und konnte, auch dank der Unterstützung der Fans, durch Crowdfunding gerettet werden. Auch der Bayreuther Fanclub hat sich an der Aktion beteiligt und ist seitdem auch ab und zu Gast bei einem Spiel in Nürnberg.

In München hatte ich eine Stammbäckerei, deren Besitzer immer noch im Doreth Trikot zu den Spielen des FC Bayern gehen. Neulich sind sie sogar nach Bayreuth gereist um ein Spiel von mir zu sehen. Man schreibt sich zu Geburtstagen und zu Weihnachten. Einzigartig ist auch mein lieber Bolle, ein Unikat, den ich während meiner Zeit in München kennenlernen durfte. Er ist immer von Kopf bis Fuß mit allen möglichen Schals und Pins geschmückt und eine der treibenden Kräfte der Organisation Fans Respect Fans e.V. Er reist sogar der Nationalmannschaft hinterher. Manchmal ist man wirklich überrascht ihn anzutreffen, aber es ist immer eine Freude. Er machte mir sogar eins der besten Weihnachtsgeschenke ever … ein Club-Trikot mit meinem Namen drauf.

Erinnerung an die Artland Dragons

Meine Zeit in Quakenbrück werde ich wohl auch nie vergessen. Eine weitere Station an einem kleinen Basketballstandort, an dem ein enger Kontakt mit den Fans unumgänglich war. Treue Fans, für die der Basketball einen sehr hohen Stellenwert in ihrem Leben hat. Nach meinem zweiten Jahr im Artland beschloss der Hauptsponsor auszusteigen und der Verein musste in der ProB neu anfangen. Wir waren alle geschockt! Gemeinsam mit den Fans standen wir vor der Arena und haben getrauert. Aber keiner war dem Hauptsponsor böse. Alle waren nur enttäuscht und haben sich an die schönen Zeiten in der ersten Liga erinnert. Wie alle wissen hat die Trauer auch nicht lange angehalten. Die Fans packten an und haben mit dafür gesorgt, dass immerhin in der ProB weiter Basketball gespielt wird … DAS IST LIEBE!

All diese Geschichten haben meine Karriere geprägt. Ich habe für mich gelernt, dass nur die volle Identifikation mit der Stadt, dem Verein und auch mit den Fans zur vollen Erfüllung meiner Erwartungen führen kann. Ich muss mich zu 100% wohlfühlen, um erfolgreich Basketball spielen zu können. Wenn man einen engeren Bezug zu den Fans hat, dann versteht man besser warum sie auch mal enttäuscht sind wenn es auf dem Feld den Anschein hat, dass man sich nicht zu 100% den Arsch aufreißt. Ja es gibt einem manchmal das Gefühl, nicht alles für seine geliebten Fans zu geben. Es spornt mich persönlich an, wenn ich auf den Rängen bekannte Gesichter sehe, die ich nicht enttäuschen möchte. In Bayreuth habe ich das Gefühl immer an meine Grenzen zu gehen weil die Fans voll hinter mir stehen. Es gab schon Stationen, da war das nicht der Fall und das hat sich auch auf meine Leistung ausgewirkt. Wenn mir in Bayreuth einige Fans ihre ehrliche Meinung sagen, dann hör ich mir das an und mache mir Gedanken darüber. Ich respektiere das. Natürlich kann man nicht auf alles eingehen, aber ich habe hier nie das Gefühl diesen „Leck mich am Arsch“ Modus haben zu müssen. In der jetzigen Konstellation in Bayreuth fühle ich mach so wohl wie noch nie und hoffe, dass ich meine Reise nicht weiter vorsetzen muss. Und falls doch … dann bleiben die Sibylle, Irmgard, Bolle und wie sie alle heißen immer in meinem Herzen!

Foto: Thorsten Ochs (www.ochsenfoto.de) via Bastian Doreth

Bastian Doreth
Bastian ist die deutsche Mischung aus James Harden und Steve McQueen. Man könnte vorsichtig formuliert behaupten, der Nationalspieler sympathisiere gelegentlich mit dem Club.

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