ANDY SCHMID / HANDBALL

Es gibt nur eine Geschwindigkeit

Spricht Andy Schmid über den Vollgas-Spielplan eines Handball-Champions Ligisten, so glaubt man stellenweise unweigerlich Vin Diesel zu hören … mit leichtem Schweizer Akzent. Der amtierende MVP analysiert den dicht gedrängten Spielplan, mögliche Lösungsansätze und die Folgen der hohen Belastung.


Aktuell befindet sich unser Team in einer Phase, in der wir sechs Spiele in ca. zwei Wochen bestreiten. Im Schnitt spielen wir also alle zweieinhalb Tage, denn seit September stehen, wie in jedem Jahr, neben den Bundesliga- auch die Spiele der Champions League auf dem Programm. Als Profi ist man diese Belastungen natürlich gewöhnt, vor allem, wenn man bei einem Top3-Club spielt. Aber da die finanziellen Mittel im Handball nun einmal begrenzt sind, nimmt ein Auswärtsspiel in der Champions League in der Regel drei Tage in Anspruch. Wir fliegen ja nicht mit einer Chartermaschine direkt zum Spiel und nach dem Abpfiff postwendend wieder zurück. Wir reisen beispielsweise an einem Dienstag nach Frankreich, bestreiten am Mittwoch unser Spiel in Nantes und reisen am Donnerstag wieder zurück. Somit bleibt uns nur der Freitag für die Vorbereitung auf unser Spiel gegen den THW Kiel am folgenden Samstag. Der Reisestress stellt für uns Spieler darüber hinaus zweifellos auch eine Herausforderung dar, wenn es darum geht, nach den Spielen produktiv zu regenerieren.

In den zwei bis drei Phasen jeder Saison, in denen die Belastung durch die Spiele im nationalen und internationalen Wettbewerb wirklich heftig ist, wird das Thema auch stärker in der Öffentlichkeit diskutiert. Aber die Diskussion ist meiner Meinung nach auch eine, die nicht zu wirklich viel wird führen können. In den letzten Jahren war es immer wieder der Fall, dass unterschiedliche Spieler ihre Meinung dazu geäußert bzw. Spieler oder Vereinsverantwortliche sich gleichermaßen beklagt haben, aber letztendlich hat sich keine Veränderung eingestellt. Es hat sich eigentlich eher noch verschlimmert, denn die Champions League ist noch weiter aufgeblasen worden. Ich persönlich empfinde daher die Diskussion, die in den vergangenen Jahren geführt wurde, stellenweise als müßig, vor allem weil ich die Crux des Problems an einer anderen Stelle sehe.

Immer Vollgas!

Wenn es um die Belastungen geht, die wir Handballer durch unseren Spielplan haben, weisen viele externe Beobachter darauf hin, dass in amerikanischen Ligen, wie der NBA oder der NHL, stellenweise im Zweitagesrhythmus gespielt wird – und das ist ja auch vollkommen richtig. Allerdings ist die Belastung durch die einzelnen Spiele für mich auch nicht das vorrangige Problem. Es geht mir nicht um die Dichte der Spiele. Das Problem sehe ich vielmehr wie folgt: wir spielen bis Anfang Juni in der Liga und stehen dann noch eine Woche für die Nationalmannschaft auf dem Feld, sodass wir im Sommer lediglich drei Wochen Zeit haben, bevor die Saisonvorbereitung wieder losgeht. Wenn ich dann eine Woche auf der faulen Haut liege, habe ich bereits ein schlechtes Gewissen, denn ich weiß genau, dass ich zwei Wochen später beim ersten Lauftest der Folgesaison ein gutes Ergebnis abliefern muss. Es besteht also gar nicht die Möglichkeit, für mehrere Wochen oder gar Monate nichts mit Handball am Hut zu haben. Darin sehe ich beispielsweise auch einen nicht unbedeutenden Unterschied zur NBA. Und an dieser Stelle liegt eigentlich der Hund begraben. Das Problem ist also nicht die Dichte der Spiele, sondern die Tatsache, dass die Regenerationsphase im Sommer wirklich nicht sehr lang ist. Man muss den Spielplan meiner Meinung nach also nicht entzerren, sondern könnte ihn zur Not in manchen Saisonphasen noch etwas verdichten, um dafür im Sommer eine Pause von zwei Monaten zu schaffen. Das wäre für mich ein effektiverer Lösungsansatz, denn man ist eigentlich das ganze Jahr über im Vollgas-Modus und kommt nicht dazu, seinem Körper oder seinem Geist mal einen Monat oder noch länger eine Pause zu gönnen. Das passiert im Handball schlicht und ergreifend nicht.

Die guten Trainer sorgen dabei natürlich dafür, dass die Spieler in den entsprechenden Phasen der Saison auch angepasste Trainingsprogramme bekommen. Es ist sicherlich nicht in jeder Phase das Beste, sein reguläres Training durchzuziehen. Je nach Reisesituation wird eine solche Einheit auch durch einen Walk-Through ersetzt. So gibt es während der Saison durchaus Phasen, in denen man gefühlt kaum trainiert, sondern oftmals im Stehen die taktischen Elemente der Spielvorbereitung durchgeht. Tatsächlich gibt es in bestimmten Phasen viele Einheiten, bei denen Spiel- oder Angriffssysteme lediglich durchgesprochen und nicht speziell noch einmal trainiert werden. Vereine, die ’nur‘ in der Bundesliga spielen, haben hier sicherlich einen Vorteil, da sie eine ganze Woche haben, um sich auf das jeweils nächste Spiel vorzubereiten. Diese Zeit erlaubt es den Teams, beispielsweise zwei oder drei Tage der Woche für den athletischen Bereich zu nutzen, was für Teams, die Champions League-Spiele bestreiten, schlicht nicht möglich ist. Das ist ein klarer Wettbewerbsvorteil, keine Frage. Es ist ja nur logisch, dass es ein deutlicher Unterschied ist, nur 30 anstatt 50 Spiele in einer Saison zu bestreiten.

Natürlich ist es somit für Teams, die international spielen, wünschenswert, einen breit aufgestellten Kader zu haben, um die Spielzeiten entsprechend teilen zu können. Die andere Seite dieser Medaille ist dabei selbstverständlich die Wirtschaftliche. Kannst du dir als Verein leisten, vierzehn oder fünfzehn gleichwertige Spieler zu haben? Die meisten Teams können das nicht. Vor allem will sicherlich keine Mannschaft riskieren, Spiele aufgrund bestimmter Wechselstrategien zu verlieren, anstatt in einer entscheidenden Phase auf die Stammspieler zu vertrauen. Letztendlich liegt es im Ermessen des Trainers, ob sich ein solches Risiko lohnt. Er muss die beste Rotation von Spielern finden, um sportlichen Erfolg und Regeneration für die Spieler entsprechend in Balance zu halten. Darüber hinaus muss der Verein natürlich die entsprechenden finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, um elf oder zwölf Spieler eines entsprechenden Niveaus beschäftigen zu können.

Vom Fliegen … und vom Busfahren

Die finanzielle Situation eines Vereins hat dabei, wenn es um das Thema der Belastung durch einen eng gestrickten Spielplan geht, noch an einer weiteren Stelle Auswirkungen auf die Spieler, die zu einem gewissen Grad spürbar sind. Es ist schlicht und ergreifend ein Vorteil, wenn man als Mannschaft beispielsweise die Möglichkeit hat, einen Tag vor einem Auswärtsspiel anzureisen und die Nacht vor Ort in einem guten Hotel zu verbringen, anstatt erst am Spieltag anzureisen. Wenn wir zum Beispiel zu einem Spiel nach Flensburg fliegen, anstatt sieben Stunden mit dem Bus dorthin zu fahren, dann macht es zweifelsohne einen Wettbewerbsvorteil aus, dieses Privileg zu haben. Mit einer solchen Busfahrt in den Beinen ist es definitiv schwerer Handball zu spielen, als wenn man am Vortag eine Stunde geflogen ist. Keine Frage. Diese Situation haben sich die Vereine aber auch durch sportliche Leistungen und entsprechendes Wirtschaften auch irgendwo erarbeitet, sodass es natürlich verständlich ist, dass sie ihren Spielern diese Optionen auch bieten.

Uns Spielern hilft dabei die Neugestaltung des Spielplans [inkl. des Donnerstag-Sonntag-Rhythmus] wahrscheinlich weniger, als sie der Sportart im Allgemeinen hilft. Für uns ist es nahezu egal, ob man am Montag, am Mittwoch oder am Freitag spielt. Im Handball hat es sich nun einmal so eingeschlichen, dass wir mit der Bundesliga und der Champions League zwei Wettbewerbe haben, die nicht immer miteinander übereinkommen, da beide gerne ihre jeweiligen Spiele in attraktiven Zeitfenstern austragen wollen. Für die Sportart ist die neue Regelung dagegen schon ein Vorteil. Wenn die Zuschauer am Montag in der Zeitung oder im Internet auf die Tabelle schauen, dann ist die Anzahl der Spiele, die die Mannschaften gespielt haben, etwas näher beieinander, als das in den vergangenen Jahren der Fall war. Das ist der große Vorteil! Es ist sicherlich nicht von heute auf morgen realisierbar, eine Konstanz der Spieltage wie etwa in der Fußball Bundesliga herzustellen, aber es wird in den kommenden Jahren immer besser. Auch die festen Termine, wie Sonntagsspiele um 12:30, ermöglichen Zuschauern die Sportart im Fernsehen zu verfolgen oder Familien die Spiele in der Halle zu besuchen. Da diese Umstellungen erst seit wenigen Monaten in Kraft sind, ist der Effekt für uns Spieler noch kaum spürbar, aber ich bin sicher, dass es für die Zukunft sehr positiv sein wird.

Andy Schmid
Die Suche nach dem aktuell erfolgreichsten Handballer gleicht einem Siebenmeter ohne Torwart. An der Linie: Andy Schmid, viermaliger amtierender MVP der DKB Handball Bundesliga und zweimaliger amtierender Deutscher Meister und Supercup-Sieger.

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