Freestyle zu Olympia

Spätstarterin. Quereinsteigerin. Andersdenkende. Degenfechterin Alexandra Ndolo (Weltranglistenrang 8) hat sich nie groß um Label gekümmert, sondern ist ihren ganz eigenen Weg gegangen. Hier erzählt die EM-Zweite, wie weit dieser sie noch führen soll.


Mein Weg zum Degenfechten war nicht der Linearste. Im Alter von zehn Jahren bin ich durch meine große Schwester Roma zum Modernen Fünfkampf gekommen und habe während des Gymnasiums sogar Deutsche Jugendmeisterschaften darin gewonnen. Nach etwa 6 Jahren „Moderner Fünfkampf“ hat jedoch der Trainer die Schule verlassen und die Trainingsgruppe wurde aufgelöst. Da das Fechten mit seiner Dynamik und seiner großen Abwechslung unter den fünf Disziplinen immer die war, die mir den meisten Spaß gemacht und die größte Faszination gebracht hat, habe ich damit angefangen, einmal die Woche im Fechtverein in meiner Heimatstadt Bayreuth mitzufechten.

Über den Fechtverein kam ich relativ schnell zu Teilnahmen an den Bayrischen Meisterschaften und konnte, nachdem ich diese gewonnen hatte, auch an den Deutschen Meisterschaften teilnehmen. Auf einer Deutschen Meisterschaft wurde ich im Alter von 19 Jahren von Bundestrainer Manfred Kaspar wiedererkannt, dem ich bereits als 13-jährige Fünfkämpferin aufgefallen war. Ich folgte der Einladung des Bundestrainers zu einem Lehrgang und schließlich, mit 21, nach Bonn, um mich in der dortigen Trainingsgruppe voll und ganz dem Degenfechten zu widmen. Die Motivation hinter dem Umzug lag für mich darin, dass ich mich an meine Faszination für die Olympischen Spiele zurückerinnerte. Im Alter von 10 Jahren hatte ich sie zum ersten Mal im Fernsehen gesehen und war vollkommen fasziniert von den Spielen. Die Konzentration auf das Degenfechten stellte für mich die Möglichkeit dar, noch einmal Leistungssport zu betreiben und zwar in einer Disziplin, die mir früher schon immer großen Spaß gemacht hatte … und mich langfristig vielleicht sogar zu Olympischen Spielen führen könnte.

Degenfechten erlaubt ein bisschen mehr Freestyle!

Mit 21 Jahren war ich natürlich verhältnisweise alt, um mit einer neuen Disziplin zu beginnen – und das auch noch als Quereinsteigerin. Da mich entsprechend auch niemand meiner Teamkameradinnen oder Konkurrentinnen aus der Jungend kannte, habe ich stellenweise schon in das eine oder andere fragende Gesicht geblickt. Ich musste mich also zuerst regional und in der Folge auch national sowie international beweisen. Mit jeder Stufe, die ich genommen habe, hat sich der Effekt der Quereinsteigerin aber mehr und mehr egalisiert und das Ganze ist heute kein Thema mehr. Mir spielt dabei in die Karten, dass man beim Degenfechten, im Vergleich zu den anderen beiden Waffen, früher treffen muss. Ob man diese Strategie offensiv oder defensiv verfolgt ist einem selbst überlassen – so habe ich mehr Freiheiten. Ich glaube tatsächlich, dass ich dadurch, dass ich verhältnisweise spät dazu kam, in manchen Situationen einen frischeren Blick habe als andere. Ich verlasse mich auf meine Intuition und tue manchmal Dinge, die anderen unkonventionell erscheinen mögen. Das meine ich, wenn ich meinen Stil stellenweise als „Freestyle“ bezeichne. Dabei hatte ich bisher immer das Glück, Trainer zu haben, die mich so genommen haben, wie ich bin. Sie versuchen meine Stärken, wie meine Größe und die damit verbundene Reichweite sowie meine Schnelligkeit, zu nutzen und diese ins Fechten zu übertragen.

Natürlich hatte ich durch meinen Quereinstieg anfangs gewisse Wettbewerbsnachteile. Ich musste viel lernen und aufholen, vor allem im taktischen Bereich. Gerade bei internationalen Wettkämpfen gab es eine steile Lernkurve, da einige Konkurrentinnen das psychologische Spiel entschieden besser beherrschten als ich. Ich habe mir bei der Entwicklung meines eigenen Stils die Sachen abgeschaut, die ich gut fand. Und Dinge, bei denen ich mich gefragt habe, warum meine Kontrahentinnen sich so einschränken, die habe ich einfach weggelassen. Ich habe tatsächlich noch jeden Tag Spaß am Fechten. Und bei einigen Konkurrentinnen merke ich, dass sie vielleicht noch Spaß am Erfolg, jedoch nicht mehr am Sport an sich haben. Ich persönlich hingegen habe noch das Gefühl, jeden Tag etwas Neues dazulernen zu können und das gibt dem Trainingsalltag, der im Leistungssport natürlich sehr anspruchsvoll ist, noch einmal einen besonderen Reiz.

Mein Fechtstil ist mit Sicherheit nicht der konventionellste, aber ich möchte mir um jeden Preis meine Kreativität erhalten, weil diese mir schon in vielen Situationen geholfen hat. Die Grundtechniken der Sportart beherrsche ich natürlich nach zehn Jahren des Trainings auf einem entsprechenden Niveau, aber ich glaube, dass ich einfach manchmal auf andere Ideen komme, als meine Gegnerinnen. Es bringt mir überhaupt nichts, alles ganz genauso machen zu wollen, wie Athletinnen, die ebenjene Dinge schon zehn Jahre länger perfekt machen, als ich es könnte. Ich versuche also meinen eigenen Weg zu gehen.

EM, WM, Olympische Spiele – die Liste der Ziele ist lang!

Wie schon gesagt, bin ich damals schon mit entsprechenden Gedanken an die Olympischen Spiele zur Trainingsgruppe nach Bonn gereist. Allerdings habe ich am Anfang natürlich niemandem davon erzählt. Auch wenn ich schon Träume von der EM, der WM oder eben auch von Olympia hatte, so finde ich nicht, dass man das von Anfang an den Leuten auf die Nase binden muss. Selbst wenn man einen Sport schon sein ganzes Leben macht, so ist Olympia immer noch unglaublich schwer zu erreichen. Ich glaube, dass der gesunde Menschenverstand einem einen Wettkampf, bei dem nur die Allerbesten der Welt mitmachen, nicht unbedingt als Wahrscheinlichste aller Optionen darstellt. Daher muss man meiner Meinung nach an solch eine Sache auch gerade sehr selbstbewusst herangehen und an sich selbst glauben, egal wie die Chancen stehen.

Die Teilnahme an den Olympischen Spielen wird beim Fechten dabei nach der Weltrangliste geregelt und diese Tatsache macht es für europäische Athletinnen und Athleten extrem schwer. Die Crux liegt darin, dass nicht die Besten der Weltranglisten ausgewählt werden, sondern die Qualifikation für Einzelpersonen nach Kontinenten in bestimmte Zonen aufgeteilt wird, sollte sich die eigene Mannschaft nicht als eine der besten acht für das Turnier qualifiziert haben. Da ein Großteil der Führenden in der Weltrangliste aus Europa stammt, muss man schon zur absoluten Weltspitze gehören, um eine Chance auf die Qualifikation zu haben. Der Umkehrschluss dieser Situation ist dafür natürlich, dass wenn man sich einmal qualifiziert hat, man über gute Chancen verfügt, im Turnier auch entsprechend weit zu kommen.

Eine mögliche Olympiaqualifikation ist also eine gewisse Drucksituation, aber am Ende des Tages ist der gesamte Leistungssport eine Drucksituation. Man muss sich sowohl national beweisen als auch von den Trainern für die Teamwettbewerbe nominiert werden. Kurzum, man muss sich Jahr für Jahr aufs Neue beweisen. Die Olympischen Spiele sind dann letztlich nur ein weiterer Schritt. Je höher man kommt, desto schwerer werden natürlich die Schritte, aber ich habe mir schon einmal bewiesen, dass ich in der Weltspitze mitfechten kann. Das sehe ich absolut als Ansporn! Tokio ist dabei das große Ziel, aber es gibt genauso die EM und die WM, beides für sich große Turniere, die entsprechend in Bezug auf die Weltrangliste einen hohen Stellenwert haben. Es gibt also noch einige Ziele, die ich erreichen will!

Fotos © Micha Neugebauer

Alexandra Ndolo
Nach einer überaus erfolgreichen Jugendkarriere im Mordernen Fünfkampf spezialisierte Alexandra sich erst mit 21 Jahren aufs Degenfechten. Heute ist die ehemalige Quereinsteigerin Vize-Europameisterin und unter den Top-8 der Welt.

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