Geschichte eines Underdogs

Wen interessiert Goliath? Die Leute lieben Underdog-Geschichten. Die, die Box-Europameister Abass Baraou (Weltergewicht) schreibt, ist eine! Hätte Oberhausen eine berühmte Treppe wie das Philadelphia Museum of Art, der 23-Jährige erklömme sie im grauen Trainingsanzug.


Als Kind war ich immer voller Energie und wusste nicht wohin mit ihr. Wie jeder in meinem Umfeld habe ich Fußball gespielt, aber das hat mir nie den richtigen Kick gegeben. Als ich dreizehn war wurde in dem Jungendzentrum nahe unserer Wohnung, in dem ich mich oft aufgehalten habe, ein Schnuppertraining im Boxen angeboten und da die Betreuer um meine überschüssige Energie wussten, haben sie mir sofort empfohlen, daran teilzunehmen. Doch ich hatte damals überhaupt keine Lust auf Boxen, fand den Sport langweilig. Ich hatte das Gefühl, dass die Ringrichter und die Strukturen einem den Spaß vermiesen. Doch ich habe dann trotzdem vorbeigeschaut und als ich die ersten paar Kombinationen in den Sandsack gehauen habe, war der Trainer dort begeistert von mir. Er dachte, ich würde bereits im Verein boxen. Als er erfahren hat, dass das nicht der Fall war hat er versucht, mich dazu zu überreden, zu ihm ins Training zu kommen, doch ich habe zunächst abgelehnt. Ich hatte ja keine Lust auf Boxen. Doch daraufhin hat der Trainer seine Faust vor meinem Gesicht zusammengeballt und mir halbernst gedroht, dass ich Ärger mit ihm bekomme, wenn ich es nicht tue. Seitdem bin ich Boxer.

Wenn man den Boxsport auf Leistungsniveau betreiben möchte, dann ist ein Einstieg mit 13 Jahren zugegebenermaßen relativ spät. Meine Konkurrenten haben alle früher mit dem Training angefangen, manche schon mit sechs! Ich hatte also ein steile Lernkurve zu überwinden. Nachdem ich die ersten Kämpfe bestritten und die ersten Erfolge errungen hatte, habe ich den deutschen Pass beantragt, um auch an nationalen Turnieren teilnehmen zu können. Von dort an wurde mein Training entsprechend leistungsorientierter. Bei meinem Verein in Oberhausen hatte ich dabei zunächst nur dreimal pro Woche Training, aber ich wusste, dass das nicht reichen würde, um zu den anderen Jungs aufzuschließen. Als Boxen meine Leidenschaft wurde, habe ich mir das Ziel gesetzt, das Beste rauszuholen … und das hätte ich auf keinen Fall geschafft, wenn ich dreimal trainiert hätte und ansonsten zu Hause geblieben wäre. Meine Konkurrenten waren in Sportinternaten und haben täglich trainiert. Wenn ich mit ihnen mithalten wollte, dann musste ich das gleiche tun. Also habe ich jeden Tag für mich selbst etwas gemacht, sei es Konditions- oder Techniktraining, denn ich wusste, dass ich, wenn ich die ganz große Klasse erreichen wollte, etwas gewaltig ändern musste. Ich habe mich also gefragt, was ich alles machen kann, um mein Ziel zu erreichen und eine der grundlegendsten Veränderungen war der Wechsel auf das Sportinternat in Münster.

Bei meinem ersten großen Turnier, dem Chemiepokal 2014, hat wahrscheinlich keiner von mir etwas anderes erwartet, als mein erstes Match zu verlieren. Zwei meiner Kontrahenten haben damals schon bei den Männern gekämpft. Aber ich habe das ganze Turnier gewonnen und damit für das erste ‚Wow‘ meiner Karriere gesorgt. Mit diesem Sieg sind die ersten Leute wirklich auf mich aufmerksam geworden. Mir war dennoch klar, dass ich nicht die Nummer eins oder irgendjemandes Liebling war. Ich musste mich immer beweisen. Jedes Mal, wenn ich in den Ring gestiegen bin, war mir klar, dass ich gewinnen muss. Ich musste alles tun, um einen weiteren Schritt nach vorne zu machen. Deshalb habe ich immer wieder aufs Neue Gas gegeben.

Ich habe mir immer vorgestellt, wo ich mich selber sehen will, wo ich sein will. Das alles konnte ich nicht erreichen, wenn ich zu Hause bleibe oder wenn ich den einen oder anderen Kampf verliere. Ich hatte zwar keine Poster an den Wänden oder so etwas, aber ich habe mir die ganz Großen – Muhammad Ali, Roy Jones Jr., Mike Tyson – angeschaut. Ich wusste, dass ich, wenn ich Erfolg haben würde, nicht ihre Geschichte erleben würde. Es würde meine eigene Geschichte sein. Ich musste durch die sprichwörtliche Hölle gehen, um am Ende mein persönliches Ziel zu erreichen und das war okay für mich.

In meinem ersten Kampf bei den Männern stand mir gleich die damalige Nummer zwei der Rangliste in Deutschland gegenüber. Die Rollen waren also klar verteilt: er war der Favorit, ich der Underdog. Aber ich wusste, dass ich ihn schlagen würde. Für mich stand fest, dass ich den Kampf nicht knapp gestalten durfte, denn ich hatte Angst davor, dass die Ringrichter bei einem knappen Kampf zu Gunsten des größeren Namens entscheiden würden. Ich musste meinen Gegner überrollen, musste alles aus mir rausholen und dafür sorgen, dass mein Gegner vielleicht sogar K.O. geht. Mein Sieg hat mich gefreut, aber überrascht hat er mich nicht. Ich hatte ein klares Ziel und das habe ich verfolgt.

Wenn ich selbst den Begriff ‚Underdog‘ höre, dann erinnert er mich an die Zeit, in der ich die Nummer zwei in Deutschland war. Mir wurde damals einfach nicht die Chance gegeben zu zeigen, dass ich die wahre Nummer eins bin. Wenn ich auf Deutschen Meisterschaften angetreten bin, hat die Nummer eins der Nationalmannschaft nicht teilgenommen. Hätte ich in den Finals verschiedener Turniere auf ihn treffen sollen, dann war er nicht da. Ich war also gefangen in der Rolle des Underdogs. Ich hatte nie die Chance, im Ring zu beweisen, dass ich besser bin. Ich war also amtierender Deutscher Meister, aber in der Nationalmannschaft stand immer jemand vor mir. Das hatte zur Folge, dass ich bei internationalen Wettkämpfen immer alles geben musste und mir keinen Fehler erlauben durfte. Jeden Fehler hätte man mir bei der Vergabe der Ranglistenpositionen vorwerfen können – ein Nachteil, den die Nummer eins der Setzliste nicht hat. Für ihn war es ein Leichtes, zu Europameisterschaften zu kommen. Ich musste mich dagegen immer wieder beweisen und für meine Chance kämpfen.

Im vergangenen Jahr bin ich bei der Deutschen Meisterschaft primär angetreten, um ein weiteres Mal zu beweisen, dass ich die Nummer eins in Deutschland bin. Ich hatte auch den Druck, trotz einer aufgrund einer Verletzung stark eingeschränkten Vorbereitung beim diesjährigen Chemiepokal teilzunehmen, da ich Angst hatte, man könne mir etwas wegnehmen. Ich musste immer wieder Leistung bringen um zu bekommen, was mir zusteht. Deshalb habe ich alle Turniere mitgeboxt um zu beweisen, dass ich die Form habe und um sicherzustellen, dass mir keiner in die Suppe spucken konnte. Gelöst wurde die Situation schlussendlich dadurch, dass mein Konkurrent zu den Profis gewechselt ist und somit der Weg zur Europameisterschaft für mich frei wurde. Die Gewissheit, als Nummer eins zur Europa- sowie zur Weltmeisterschaft fahren zu können, hat mir eine große innere Ruhe gegeben.

Die EM in diesem Jahr war somit für mich die große Chance, auf die ich gehofft habe. Eine neutrale Chance, ohne Vor- oder Nachteile auf irgendeiner Seite. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, absolut alles geben zu müssen, weil man mir sonst nicht den Sieg zugestehen würde. Ich hatte viel eher den Eindruck, dass ich, wenn ich einen Kampf klar gewinne, auch den Sieg zugesprochen bekommen würde. Darin lag ein deutlicher Unterschied zum Anfang meiner Karriere! Ich musste nicht mehr um Akzeptanz kämpfen sondern konnte, als deutsche Nummer eins gesetzt, mit den gleichen Chancen wie die anderen EM- bzw. WM-Teilnehmer antreten und endlich zeigen, was ich draufhabe.

Foto: Thorsten Helmke

Abass Baraou
Abass Baraou musste für seine Chance im Nationalteam kämpfen, doch heute ist der dreimalige Dt. Meister im Weltergewicht stolzer Europameister und gewann bei der WM 2017 die Bronzemedaille. Für seinen Traum besuchte der 23-jährige Sohn togolesischer Eltern Sportinternate in Münster und Berlin und boxt heute für Ringfrei Oberhausen.

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