Mit gefangen, mit gehangen

Wenn ein eigener Fehler den Partner eine Medaille kostet oder man selbst trotz eigener Perfektion scheitert. Teamsportler können die Belastung nachvollziehen, Individualisten sie nur erahnen. Wasserspringerin Tina Punzel (21, EM-Silbermedaillengewinnerin) über die mentalen Aspekte des Brennglases Synchronspringen.


Wenn man von der Seite schaut, darf man eigentlich nur eine Person sehen. Darum geht es , das macht es aus!

Bei den Partnern für die Synchronwettkämpfe sollte das Gewicht ungefähr gleich sein und die Größe natürlich auch in etwa. Man muss gucken, dass die Kraftwerte gleich sind, damit man gleichhoch abspringt. Und das Körpergewicht sollte auch nicht zu unterschiedlich sein, einfach weil die Brettdurchbiegung dann eine andere ist. Das macht das Synchronspringen auch ein bisschen aus. Es ist nun einmal eine Sportart, die auch von Kampfrichtern bewertet wird und alles was synchron ist wirkt einfach besser. Das geht bei der Badehose oder dem Badeanzug schon los, auf diese Kleinigkeiten wird Wert gelegt. Der optische Eindruck entscheidet bei den Kampfrichtern!

Ob man mit seinem Synchronpartner befreundet ist, ist auf dem Brett am Ende zu 90% egal. Ich bin der Meinung, es können auch Paare zusammen springen, die sich nicht mögen. Aber die letzten 10%, die man noch rausholt ( vielleicht sind es auch 15%), die werden ansonsten schon schwer. Für mich ist es persönlich schon wichtig, dass man sich auch außerhalb der Schwimmhalle versteht. Rein sportlich macht jeder sein eigenes Ding, aber wenn du auf Wettkampfreise bist und drei Wochen auf dem gleichen Zimmer wohnst … sich dann nicht zu mögen macht es auch verdammt schwierig. Es ist wichtig, dass der eine den Anderen motiviert, ein bisschen ablenkt oder was auch immer gerade notwendig ist. Das war für mich, vor allen Dingen zu Beginn meiner Karriere, schon extrem wichtig und da hat auch Nora [Subschinski, Tinas langjährige Partnerin] mit ihrer Erfahrung eine wirklich eine große Rolle gespielt. Sie hat mich oftmals wieder runter geholt, da ich ein Kopfmensch bin, der sich immer über alles Gedanken macht.

Anhalten und Korrigieren geht nicht!

Es ist das essentiell Wichtige, dass man zusammen abspringt, weil man in der Luft nicht mehr viel verändern kann. Du kannst schlecht anhalten und warten. Daher muss der Absprung wirklich perfekt sein – gerade auch wenn wir aus dem Anlauf springen. Den Sprung selbst muss jeder einzelne dann für sich durchziehen, aber durch das Timing wird die Wichtigkeit des Starts so stark potenziert. Beim Anlauf hört man es, ob der andere das Brett weich bekommt und ob es rhythmisch ist und während des Sprungs kann man zwar schon rüber schielen und bekommt eigentlich auch ganz gut mit, ob man synchron ist oder nicht – in der Luft gibt es aber nichts mehr zu verändern, da muss sich jeder auf seinen eigenen Sprung konzentrieren. Wenn man unterwegs ist, ist man unterwegs.

Bei den Trainingsplänen muss man sich aber nicht im Team abstimmen. Die technische Seite der Sprünge trainiert man individuell. Das macht jeder für sich. Nora und ich sind damals im Einzel auch als direkte Konkurrentinnen in Wettkämpfen gegeneinander angetreten. Auf der einen Seite hat es schon immer geholfen, dass man wusste, man ist genauso auch als Synchronteam unterwegs und dann am Tag nach den Einzelwettkämpfen noch einmal die Chance hat, sich zu verbessern. Im Einzel wollte natürlich auch jeder gewinnen und das pusht einen. Man will natürlich immer wieder besser sein, als der Andere. Für das Synchronspringen zahlt es sich letztendlich aus, immer den perfekten Sprung machen zu wollen.

In den Synchronwettkämpfen ist der Grundsatz erst einmal: man gewinnt zusammen, man verliert zusammen! Jeder gibt sein Bestes und es kann jedem ein Fehler passieren. Klar, im Synchronspringen ist es immer doppelt mies im Vergleich zum Einzelwettkampf, weil noch eben jemand anderes mit betroffen ist. Aber mich pusht persönlich noch etwas mehr, dass der andere mit dranhängt und man vielleicht doch noch einen Ticken konzentrierter ist. Man springt für den anderen mit.

Mit gehangen – mit gefangen!

Ich hatte auch bei großen Turnieren schon Situationen, in denen entweder ich oder meine Partnerin Fehler gemacht haben, die uns dann letztendlich als Duo eine Medaille gekostet haben. Aber wie gesagt, man weiß von Anfang an, dass das dazugehört und man weiß auch von Anfang an, dass jeder Fehler machen kann. Natürlich ist das in dem Moment mies, aber der andere ärgert sich ja mit. Man ist natürlich in einer solchen Situation froh, wenn man den Fehler nicht gemacht hat. Das kann man schon so offen zugeben. Aber beim nächsten Wettkampf ist es vielleicht auch wieder anders herum und es bringt daher auch nix, noch mehr Druck aufzubauen. Dadurch, dass man selbst genau weiß, wie der andere sich fühlt, würde ich nie auf die Idee kommen, meine Partnerin völlig zur Sau zu machen.

Natürlich ärgert man sich auch, dass die Chance oder die Medaille vergeben ist. Wenn ich meine Leistung bringe, gelingt es mir auch unabhängig von der Platzierung sagen zu können: „Ich habe meinen Teil gemacht, mehr hätte ich nicht tun können.“ Dann bin ich mit meiner Leistung zufrieden und man ärgert sich zusammen über die verpasste Medaille. Es ist jetzt nicht so, dass die eine der anderen die Schuld geben würde – dafür macht man auch zu viel gemeinsam durch. Aber so gibt es immer wieder Höhen und Tiefen. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, selbst einen Fehler zu machen ist viel schlimmer, weil man sich selbst Vorwürfe macht und es einem leid tut, dass der andere auch die Medaille verloren hat. Dann ist man der Buhmann in dem Moment und der Partner baut einen wieder auf. Wenn ich mit meiner Leistung zufrieden bin und bei dem anderen in dem Moment mehr drin war, dann ist das halt so. Ist zwar ärgerlich, aber ich würde mich viel mehr ärgern, wenn ich selbst den Fehler gemacht hätte. Ich glaube, dass es für diejenige, die den Fehler macht, immer schlimmer ist, auch wenn es natürlich beide sind, die eine Medaille oder eine bestimmte Platzierung verpassen.

Schlussendlich ist es schwer zu sagen, ob ein misslungener Einzel- oder Synchronsprung mich mehr ärgert. Ich ärgere mich eigentlich immer über einen verpatzten Sprung, vor allem wenn ich weiß, dass ich es deutlich besser kann. Im Synchron tut es einem für den Anderen ein bisschen mehr leid, aber es macht kaum einen Unterschied. Meistens wird man dann noch von dem Anderen getröstet. Auch Nora hat mir damals nie einen Vorwurf gemacht. Von daher glaube ich, verkraftet man es noch schneller, weil der andere für einen da ist und versucht, einen zu wieder aufzubauen. Und die Erfolge – wie beispielsweise unsere Olympia-Quali – sind dafür doppelt schön, weil man sich entsprechend auch zusammen freuen kann! Und genau das macht für mich auch diesen besonderen Reiz am Synchronspringen aus.

Tina Punzel
Wer mit fünf Jahren vom wasserspringenden Vater auf den Sprungturm gestellt wird macht sich wahrscheinlich vor Angst in die Badehose oder - im Falle von Tina Punzel - einfach eine eigene Karriere draus.

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