Neue Perspektiven

EM, Kind, Wechsel – Viel wurde über die hektische Offseason von Robin Benzing geschrieben. Nicht alles stimmt. Der Nationalspieler räumt mit einem Gerücht über seinen Abschied aus Zaragoza auf, unterstreicht, wie wichtig es ist, auch schwierige Entscheidungen durchzuziehen und erklärt, warum der Wechsel nach Würzburg am Ende eigentlich ganz einfach war.


Ich weiß auch nicht, wie das Gerücht in die Welt gekommen ist … vermutlich mussten manche Medienvertreter irgendeinen Grund nennen, warum ich bei Würzburg unterschrieben habe. Also haben sie gesagt, dass ich bei Zaragoza keinen Vertrag mehr bekommen habe. Dabei muss ich ganz klar sagen: Es wäre möglich gewesen, den Vertrag bei Zaragoza zu erneuern. Der Verein hat ein Angebot gemacht, wollte mich halten. Das muss man mal klarstellen. Viele haben es einfach aufgeschnappt, weil sie es irgendwo gelesen haben und mittlerweile sagt es jeder. Ich glaube, es ist wichtig zu verstehen, dass es darum ging, in Zaragoza zwei gute Jahre zu spielen um mich weiterzuentwickeln. Und das habe ich gemacht. Leider waren wir als Team nicht sehr erfolgreich. Es war einfach an der Zeit, wieder etwas Neues zu suchen.

Wir, also meine Familie, mein Agent und ich, haben dabei beschlossen, in diesem Sommer ein bisschen mehr Risiko einzugehen und die Europameisterschaft zu spielen, auch ohne bei einem neuen Verein unterschrieben zu haben und zu schauen, welche Angebote sich daraus ergeben. Die EM-Teilnahme bereue ich nicht, auch wenn ich nicht die Möglichkeit hatte, für die Geburt meiner Tochter zurückzureisen. Meine Frau und ich haben uns im Vorfeld lange darüber unterhalten und sie hat eigentlich den ausschlagenden Punkt geliefert. Ich war hin und her gerissen, aber sie hat letztendlich gesagt, ich solle spielen – immerhin ist das Turnier auch ein Faktor bei der Jobsuche, den man nicht ignorieren darf. Es war ein Kampf mit mir selbst, dieses einschneidende Erlebnis zu verpassen. Dabei ist es wichtig, dass man die Entscheidung zusammen trifft. Aber vor allem ist es wichtig, dass man diese Entscheidung dann auch so durchzieht. Das haben wir getan und wir sind auch beide zufrieden mit der Entscheidung. Nachträglich kommt dazu, dass es schwer geworden wäre, aus Tel Aviv entsprechend schnell zurückzukommen. Ich habe morgens um sechs den Anruf bekommen und um Viertel vor neun war die Kleine schon da.

Die Offseason war also zweifelsohne etwas hektischer als gewöhnlich. Uns war es aber dennoch wichtig, eine sportlich attraktivere Situation zu finden, bei der sich auch eine gute Rolle ergibt und ich nicht nur rumsitze und nicht spiele. Ich wollte das Selbstvertrauen, das ich in Spanien getankt habe, weiter nutzen. Gesucht war also eine Stadt, wo es mit einer kleinen Familie gut klappt … und natürlich achtet man auch auf das Finanzielle. Vor der EM gab es, unter diesen Aspekten betrachtet, kein interessantes Angebot, sodass wir uns entschieden haben noch zu warten.

Eine spontane aber schlussendlich einfache Entscheidung

Dabei waren wir offen für alles und haben den Wechsel in die BBL nicht forciert. Uns hat es in Spanien extrem viel Spaß gemacht, die zwei Jahre waren für uns sehr schön. Wir konnten uns alles vorstellen und haben die Fühler in alle Richtungen ausgestreckt. Dass es im Endeffekt die BBL geworden ist, ist natürlich erfreulich. Darüber hinaus sind wir auch noch nah an der Heimat. Das ist genial und war mit einer der Hauptgründe, weswegen wir uns für Würzburg entschieden haben.

Es gab während der Europameisterschaft schon erste Gespräche mit dem Team, allerdings noch geheim und im Hintergrund, damit die Gerüchte, die sonst automatisch aufgekommen wären, einen nicht beim Spielen ablenken. Das Engagement von Würzburg kam dabei aber tatsächlich relativ spontan und in der Zeit nach der EM war es dann sehr interessant. Gerade mit der kleinen Familie ist es schön, nah an der Heimat zu sein. Und Coach Bauermann, den ich schon gefühlt ein halbes Leben kenne, der mich mit 19 in die Nationalmannschaft geholt hat, ein Trainer, mit dem ich schon in München gespielt habe, war ebenfalls ein großer Faktor bei der Entscheidung. Er kennt mich gut und ich ihn genauso. Es ist auf jeden Fall ein Vorteil, wenn der Trainer weiß, was du kannst. Und natürlich kommt noch dazu, dass das aufstrebende Projekt in Würzburg gut passt. Da sehe ich definitv eine Tendenz nach oben und finde das sehr interessant. Dass es am Ende also Würzburg geworden ist war zwar sehr kurzfristig, aber auch schlussendlich eine einfache Entscheidung.

Der Dreijahresvertrag, auf den wir uns geeinigt haben, bedeutet natürlich Kontinuität, was für mich ein wichtiger Punkt ist. Wir wollen als Team in den nächsten Jahren oben angreifen – dafür braucht man Zeit. Das sportlich ambitionierte Projekt hier in Würzburg und meine familiäre Situation waren die ausschlaggebenden Gründe dafür, dass ich diesen, vielleicht etwas ungewöhnlich langen, Vertrag unterschrieben habe.

Schon dieses Jahr Playoffchancen!

Ich bin noch nicht lange genug hier, um große Prognosen über die kommende Saison abzugeben. Man muss zuerst einmal schauen, wie man sich als Team findet. Wie verletzungsfrei bleibt man? Wie sind die anderen Mannschaften und wie entwickelt es sich bei denen? Ich glaube, dass wir ein gutes Team haben, aber man muss immer vorsichtig sein. Es gibt viele gute Mannschaften, die sich nicht finden und dann bleibt man plötzlich hinter den Erwartungen zurück. Ich denke, wir müssen selbstbewusst genug sein um zu sagen ‚Wir wollen dieses Jahr um einen Platz in den Playoffs mitkämpfen!‘. Alles andere ergibt sich im Laufe der Saison. Ich glaube, dass es möglich ist, wir aber erstmal abwarten müssen, wie die ersten Partien so laufen. Wenn wir die ersten sieben oder acht Spiele hinter uns haben, sehen wir klarer wo wir stehen.

Robin Benzing
Der Kapitän der deutschen Basketball-Nationalmannschaft (127 Länderspiele) wechselte zur Saison 2017/18 aus der spanischen ACB zurück in die BBL, zu s.Oliver Würzburg. Auf Wortathleten.de spricht der 28-Jährige über die (Hinter-)Gründe des Wechsels.

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