Neustart

Umbruch bei den Chicago Bulls! Jimmy Butler? Getradet! Dwyane Wade? Ausgekauft! Und Paul Zipser? Der 23-jährige Small Forward nimmt sich eine kurze Pause vom Training Camp, um über die neue Identität der Bulls, die EM, geputzte Klinken und seine Ziele für die NBA Saison 17/18 zu sprechen.


Unsere Off-Season dieses Jahr, mit all ihren Veränderungen, war sehr wichtig für den ganzen Verein, weil die Bulls in den letzten Jahren immer ein Team waren, das im Mittelfeld geschwommen ist. Mit Jimmy [Butler] wurde zum Beispiel ein Allstar entwickelt, dann kamen D-Wade und Rondo und mit ihnen so ein bisschen der Hype. Aber wir wussten auch, dass das kein Championship-Team ist. Mittlerweile entscheiden sich die Vereine, ob sie um die Championship mitspielen und entsprechend alles da reinlegen wollen, oder ob sie in die Zukunft investieren wollen. So etwas wie einen Mittelweg gibt es so gut wie gar nicht. Ich denke, mit den Bausteinen, die wir in den letzten Jahren hatten, wäre es sehr, sehr schwer geworden, ein Team zusammenzubauen, mit dem wir ganz oben hätten dabei sein können. Wie man auch am Carmelo-Anthony-Trade gesehen hat, versuchen ein paar Teams alles anzusammeln, was sie an All-Stars und Superstars bekommen können – und für die anderen Vereine wird es entsprechend sehr schwer.

In Chicago setzen wir dagegen voll auf die Zukunft. Das hat man dieses und auch letztes Jahr im Draft gesehen und wir versuchen, wie beim Trade von Jimmy, jüngere Spieler mit Potential hier anzuhäufen. Das hat in dieser Offseason angefangen und das war ein großer Schritt für den Verein. Es gibt auch viel Gegenwind von den Fans an der einen oder anderen Stelle, aber ich finde es wichtig, dass wir eine geklärte Identität haben. Es gibt eine eindeutige Richtung! Wir werden höchstwahrscheinlich nicht so viele Spiele gewinnen, wie letztes Jahr. Das gehört dazu. Man weiß nie was passiert, aber mit den jüngeren Spielern im Team bekommt man natürlich mehr Verantwortung. Man hat letztes Jahr schon gemerkt, dass wir so kein Championship Team aufbauen konnten. Deshalb muss man bei den grundlegenden Dingen anfangen und alles von unten überholen. Diese Aufgabe packt das Management jetzt an – und da bin ich sehr froh drüber.

Mehr Würfe, mehr Verantwortung

Der Trade von Jimmy bedeutet natürlich, dass viele Würfe, viele Minuten, viel Verantwortung und auch viel Qualität weg ist. Aber ich denke, dass wir einige Spieler haben werden, die das übernehmen. Ich glaube dabei nicht, dass wir nur einen Führungsspieler haben werden. Mit Dwyane Wade haben wir natürlich noch dazu jemanden verloren, der sehr viel Erfahrung und eine gute Leadership mitgebracht hat. Das gilt es auf mehrere Schultern zu verteilen. Aber ansonsten werden wir einfach ein gutes Mannschaftsgefüge haben, in dem ich auch eine Rolle übernehmen will. Ich will auch Verantwortung tragen. Das heißt nicht, dass ich jetzt der Leader der Mannschaft bin, ich versuche einfach nur mitzureden. Und ich denke, in Sachen Leadership werden mehrere Leute zusammenarbeiten. Ob das jetzt Zach [LaVine] ist oder Spieler sind, die wir schon letztes Jahr hatten – man merkt bereits jetzt im Training Camp, wie sich die neuen Strukturen herauskristallisieren.

Generell ist die Stimmung innerhalb der Mannschaft konstruktiv. Wir arbeiten jeden Tag, auch wenn wir nicht darüber reden, wie die Spiele ausgehen werden. Im Moment liegt der Fokus darauf, zusammenzuwachsen. Wir trainieren schon seit einigen Wochen zusammen, also schon bevor das Training Camp losgegangen ist. Darüber hinaus haben wir vor der Summerleague ein kleines Camp gehabt, das wir auch gut genutzt haben. Jetzt haben wir endlich alle Spieler in der Trainingshalle, auch wenn Niko[la Mirotic] aufgrund seiner Vertragsverlängerung erst später dazugekommen ist. Gerade für ein neues Team wie uns ist es sehr wichtig, dass wir so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen, deshalb haben wir uns extra früh in Chicago getroffen, um gemeinsam zu trainieren.

Die richtige Entscheidung

Unter dem Gesichtspunkt der Saisonvorbereitung war auch die Entscheidung, dieses Jahr nicht an der Europameisterschaft teilzunehmen, für mich letztendlich die Richtige. Wenn man die Spiele sieht oder zwischendurch mit den Jungs telefoniert oder schreibt, dann hat man schon das Gefühl, eine geile Zeit und eine große Chance zu verpassen. Aber während der letzten Saison habe ich einfach gesehen, dass die NBA-Saison sehr lang ist. Dazu kommt, dass ich auch körperlich zwischendurch ein paar Probleme hatte, ob das jetzt der Fuß oder der Rücken war. Und ich habe mir vor dem Sommer gesagt, dass ich das in den Griff bekommen will. Dann bin ich in der Summer League noch einmal umgeknickt und habe noch eine Verletzung dazubekommen. So wäre es ein Stück weit ein Krampf für mich gewesen, bei der EM mitzuspielen. Es wäre erzwungen gewesen und so wollte ich nicht in die nächste Saison starten.

Die Reaktionen darauf waren geteilt. Klar wünscht man sich, dass ich dabei bin und ist nicht ganz zufrieden mit meiner Entscheidung. Das kann ich verstehen. Aber es gab auch Spieler und Trainer beim DBB, die gesagt haben ‚Wenn ich in deinen Schuhen stecken würde, würde ich es ziemlich sicher genauso machen.‘ Ich werde immer wieder Kritik und Lob zu meiner Karriere zu hören kriegen oder irgendwo lesen. Aber darauf darf man nicht so viel geben. Ich versuche einfach, zufrieden zu bleiben und nicht nach oben abzuheben oder nach unten abzudriften und mir das alles nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen. Die Leute, auf die ich hören will und die mir etwas bedeuten, haben mir schon das Richtige gesagt.

Allgemein freue ich mich, dass hier in Chicago einige Sachen ans Laufen gekommen sind und dass ein Neuanfang ansteht. Bisher durfte ich schon bei vielen verschiedenen Teams mit verschiedenen Zielen dabei sein, aber dieses Jahr ist es nochmal etwas komplett anderes. In Heidelberg ging es primär darum, Spielzeit zu sammeln und sich zu zeigen und bei Bayern ging es direkt um die Championship … Als ich dann hierher nach Chicago gekommen bin, habe ich mich erst einmal an den Spielstil gewöhnen müssen. Jetzt, in meinem zweiten Jahr, ist es nochmal was komplett anderes. Der Fokus liegt gänzlich darauf, besser und besser zu werden. Ein großes Ziel von mir für dieses Jahr ist gesund zu bleiben und an mir und meinem Körper zu arbeiten, sodass ich an die 80 Spiele spielen kann. Ich habe auch viel an meinem Wurf gearbeitet und versuche entsprechend dieses Jahr meine Zahlen zu verbessern. Darüber hinaus will ich ein paar Dinge auf dem Spielfeld probieren, an denen ich im Sommer gearbeitet habe. Diese Elemente werde ich mit der Zeit in mein Spiel integrieren, aber auf jeden Fall will ich besser werfen! Und ich denke, das sieht man auch.

Mittelfristig zum Starter

Die Diskussion um einen möglichen Platz in der Starting Five, die stellenweise in den Medien geführt wird, lässt mich dabei eigentlich kalt. Im letzten Jahr hieß es auch plötzlich: ‚Paul, du spielst Starting Five!‘ Das ist kein großer Unterschied, denke ich. Es kommt darauf an, wer am Schluss auf dem Spielfeld steht. Ob man jetzt anfängt oder nicht, das entwickelt sich einfach über die Saison. Wer passt am besten zusammen? Wer fühlt sich am wohlsten, wenn er von Anfang an spielt? Auf den Startern lastet ja auch ein bisschen mehr Druck. Ich sage jetzt bewusst nicht von mir, dass ich unbedingt von Saisonbeginn an starten will, aber mittelfristig ist das auf jeden Fall ein Ziel. Ich will mich weiter etablieren und in den entscheidenden Momenten auf dem Parkett stehen.

Paul Zipser
Mit einem Vertrag in der besten Liga der Welt geht in Basketballdeutschland oft der Begriff NBA-Star einher, doch Bulls-SF verkörpert nicht das Bild eines typischen NBA-Stars, sucht nicht das Rampenlicht. Für den Nationalspieler zählt, wie vom Fußball entliehen, auf dem Parkett!

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