Opus et usu – Wortathleten
 

Opus et usu

Lebe nicht um zu arbeiten – arbeite um zu … trainieren! Jens Roth (29), deutscher und Europameister im Cross-Triathlon, über die Herausforderungen eines Vollzeit-Arbeitnehmers im Wettkampf mit Vollprofis.


Wenn man in Deutschland das Wort Triathlon hört, dann denken viele gleich an Hawaii und an den Iron Man – bei dem haben die Deutschen ja in letzter Zeit auch echt gut abgeschnitten. Der Cross-Triathlon ist dagegen eher noch eine Randsportart.

Auch wenn ich mich mit den Vollprofis in meiner Sportart messen will, so sind die Voraussetzungen doch definitiv nicht die gleichen. Es ist nicht ganz so einfach, da ich zu 100% Arbeitnehmer bin und auch entsprechend versuchen muss, mein Training dort zu integrieren. Daher nutze ich auf dieser Schiene den Weg zur Arbeit, um mein Training zu gestalten oder nutze meine Mittagspause. Und außerhalb der Arbeitszeit nimmt der Sport natürlich auch einen großen Teil meiner Freizeit ein. Deshalb bin ich wirklich froh, dass mein komplettes Umfeld mich dahingehend so stark unterstützt.

Viele Leute denken, da der Triathlon sehr zeitintensiv ist, müsse ich auch sehr lange Trainingseinheiten haben. Dem ist aber gar nicht so. Ich muss nicht jeden Tag fünf oder sechs Stunden trainieren und habe so tatsächlich eine Chance, das Trainingspensum für den Profibereich in meinen Alltag zu integrieren. Mit meinem Trainer, Marc Pschebizin, bauen wir meine ganzen Trainingseinheiten in meinen normalen Tagesablauf mit ein. So nutze ich beispielsweise meinen Weg zur Arbeit von 40km pro Strecke zwei bis drei Mal die Woche zum Training mit dem Fahrrad – da ist mir auch das Wetter relativ egal. So kann ich morgens eine Nüchterneinheit hinlegen, sprich auf nüchternen Magen zu schauen, was der Körper in der Lage ist zu leisten, um gewisse Rennsituationen zu simulieren. Mit dem Rad brauche ich morgens ungefähr 40 Minuten länger, als ich mit dem Auto brauchen würde. In der Mittagspause baue ich auf meinem Weg dann immer wieder kleinere Umwege ein um Einheiten am Berg zu fahren oder Intervalle zu laufen. Das bietet sich super an. So bin ich dann auch entsprechend früh zu Hause, habe meine Einheiten schon gemacht und kann den Rest des Tages als Regeneration nutzen. Ich arbeite in der Planung sowie in der Kontrolle und Instandhaltung von Wasser- und Windkraftanlagen und verbringe ungefähr die Hälfte meiner Arbeitszeit im Büro und die andere Hälfte außerhalb. Und diese anfallenden Wege bieten sich dementsprechend an, sie mit dem Rad zu erledigen. Und auf diese Art und Weise setze ich – sowohl beim Sport als auch auf den dienstlichen Wegen – einen entsprechenden CO2-neutralen Stempel.

Mein Arbeitgeber weiß von meinem Sport und mein Chef ist selbst sehr sportaffin und unterstützt mich da wirklich in allen Belangen. Die Triathlon-Saison in Europa geht immer von April bis September – man muss ja auch draußen schwimmen können, sei das nun in einem Fluss oder in einem See – sodass mein Chef auch genau weiß, in welchen Phasen ich mehr Rückhalt brauche und genauer auf mein Training achten muss. Im Gegenzug bin ich natürlich auch bereit, das Ganze dann im Winter entsprechend zurückzuzahlen. Im Sommer brauche ich manchmal entsprechend einen Freitag und einen Montag frei um beispielsweise zu einem Rennen zu reisen. Da ich kein Profisportler, sondern ganz normal bei einem Arbeitgeber angestellt bin, und lediglich auf Profi-Level die Wettkämpfe bestreite, kann ich natürlich keine Vorteile gegenüber den anderen Kollegen haben. Daher brauche ich für diese Rennwochenenden während der Saison entsprechend meinen Urlaub auf. Über die Wintermonate habe ich dazu noch die Möglichkeit, Überstunden anzusammeln, die ich dann während der Saison nutzen kann, um meinen Sport zu betreiben. In den letzten zwei Jahren, in denen ich auf Profi-Level angetreten bin, habe ich wirklich meinen gesamten Urlaub für den Sport geopfert. Zwischendurch gab es einmal zwei Wochen auf Gran Canaria, da saß ich dann aber auch 1500 km auf dem Fahrrad.

Ich versuche eigentlich auch am Wochenende immer zwei Trainingseinheiten unterzubekommen. Meistens ist das dann eine Kombination aus Radfahren und Laufen. Ich gehe beispielsweise zwei Stunden Radfahren und gehe direkt im Anschluss noch einmal laufen, damit ich die gleiche Koppeleinheit habe, wie im tatsächlichen Wettkampf auch. Es wird dadurch ja eine ganz andere Gruppe der Muskulatur belastet und würde man die Disziplinen ausschließlich einzeln trainieren, so würde es garantiert zu Krämpfen kommen. Genauso ist es mit der Kombination aus Schwimmen und Radfahren. Man kommt aus einer horizontalen in die vertikale Position und das bedeutet natürlich eine entsprechende Umstellung für das Herz-Kreislauf-System – deshalb ist es so wichtig, die Koppeleinheiten in seinem Trainingsplan unterzubekommen. Im Arbeitsalltag fahre ich morgens eine Einheit mit dem Fahrrad, mache in der Mittagspause einen Lauf und fahre dann abends noch einmal mit dem Fahrrad wieder nach Hause bevor dann Regeneration ansteht. Das Schwimmtraining mache ich dabei mit meiner Trainingsgruppe in Trier und bin mehr auf Bahnen unterwegs. Aufgrund meiner 20 Jahre, die ich auf Leistungsniveau im Schwimmen verbracht habe, geht es bei dieser Disziplin eher darum, eine gewisse Form zu halten. Ob ich zehn Sekunden schneller oder langsamer schwimme ist nicht entscheidend. Mein Erfolg oder Misserfolg entscheidet sich beim Laufen und beim Radfahren. Draußen zu schwimmen ist aber auch immer wieder von Nöten, sodass wir auch in Seen trainieren, oder, wenn die Mosel einmal Schiffahrtssperre hat, dann trainieren wir auch dort.

Finanziell wäre das Ganze sicherlich einfacher, wenn man einen großen Club im Rücken hätte, wie beispielsweise ein Bundesliga-Fußballer. Große Mannschaften haben es natürlich immer leichter, das Interesse von Sponsoren zu wecken, vor allem wenn die jeweilige Sportart entsprechend in die Breite geht. Ich hingegen führe alle Gespräche und Verhandlungen mit meinen Sponsoren selbst und individuell – da habe ich keinen, der mich unterstützt. Und beim Cross-Triathlon ist es natürlich auch so, wie in den meisten anderen Sportarten auch: wenn du jemanden kennst, der jemanden kennt, dann wirst du auch schneller Leute finden, die bereit sind, etwas zu geben. Ich bin vor allem mit regionalen Sponsoren stark verbunden – sowohl aus der Region Trier als auch aus meinem Heimatort im Hunsrück habe ich viele Fans, Supporter und Leute, die einfach gemerkt haben, dass ich wirklich in der Weltspitze mitmischen kann und die bereit sind, mich – auch finanziell – zu unterstützen. Das Geld ist da eher in der Langdistanz, vor allem im Ironman, verortet. Ich muss daher schon sehen, wie ich meine Saison finanziere und dabei sind Sponsorengelder immer das A und O.

Die Wenigen, die Cross-Triathlon in Europa tatsächlich als Vollprofis betreiben können, haben natürlich ganz klare Wettbewerbsvorteile, da sie sich – neben der offensichtlichen zeitlichen Komponente – viel besser auf die Wettkämpfe einstellen können. In Deutschland kann das kein einziger von uns finanziell stemmen. In Europa sind es vielleicht zehn, die davon leben können. Darüber hinaus können diese Vollprofis ihren Trainingstag viel besser und individueller gestalten und haben dadurch auch die nötigen Regenerationsphasen, um am effektivsten für den Körper arbeiten zu können. Die Wettkämpfe sind in der Regel eigentlich alle samstags oder sonntags, sodass für die Arbeitnehmer – die ja den großen Teil unserer Sportart ausmachen – eine Teilnahme überhaupt möglich ist, wenn man bedenkt, dass man je nach Veranstaltung quer durch Europa reisen muss.

Ich bin sehr froh, durch meine Sponsoren meine Saison finanzieren und die Ausgaben, die ich – beispielsweise für Reisen – habe, decken zu können. Eventuelle Preisgelder für gewisse Platzierungen kommen dann für mich on top, das ist aber natürlich nichts, womit ich planen kann. Größere Reisen, wie die Teilnahme bei der Weltmeisterschaft in Australien, sind dann der Urlaub, den ich im Jahr nehme. Wenn ich nach dem Rennen noch einen Tag Zeit habe, schaue ich mir dann auch noch die Stadt an, in deren Nähe ich gerade bin. Das Reisen ist natürlich ein positiver Nebeneffekt der Strapazen, aber letztendlich kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich die letzten zweieinhalb Jahre komplett für meinen Sport aufgebracht habe. Sport und Arbeiten. Arbeiten und Sport. Anders geht es nun einmal nicht!

Fotos via Jens Roth

Jens Roth

Als Profi auf europäischem Level in einer Sportart anzutreten, in der sich in Deutschland aktuell nicht ein Vollprofi finanzieren kann, klingt zunächst nach einem aberwitzigen Unterfangen. Hält jemand einmal Jens Roths Bier?

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