Retrospektive: Zukunft

Wenn es um die Saison 2016/17 des Rodel-Olympiasiegers Felix Loch geht, so fallen oft Worte wie ‚verkorkst‘ oder gar ‚enttäuschend‘. Loch selbst jedoch benutzt diese Worte nie! Hier erklärt der Welt- und Europameister, warum das so ist und spricht offen über Erwartungshaltungen und Perspektiven.


Die letzten zwölf Monate waren für mich ein spannendes Jahr. Bei der WM 2016 bei uns am Königssee hatten wir noch alles abgeräumt. Das war gewaltig und dann kam die Saison 16/17 in der sportlich vieles schief gegangen und allgemein so einiges passiert ist. Ich bin Vater geworden und wir haben uns eine Eigentumswohnung gekauft. Es sind einfach extrem viele Sachen passiert – natürlich auch Schöne, da würde ich nicht tauschen wollen. Es kamen schlicht und ergreifend viele Dinge zusammen, die diese Saison beeinflusst haben. Es haben auch auf Seiten des Materials Faktoren mit reingespielt, bei denen wir im Nachhinein – also erst vor ein paar Monaten – festgestellt haben, dass wir da die falsche Richtung eingeschlagen haben. Ich habe auch in den Jahren zuvor immer schon viel Material probiert, aber im letzten Jahr habe ich einen relativ krassen Schnitt gemacht, weil ich signifikante Dinge verändert habe, die aus heutiger Sicht schon die richtige Überlegung waren … aber sie waren falsch umgesetzt. Mit dieser Erfahrung im Rücken gehen wir jetzt einen Schritt zurück und machen aber zugleich einen Schritt nach vorn. Es laufen also zwei Dinge parallel. Es stehen Olympische Spiele vor der Tür und da wollen wir natürlich, wenn es geht, wieder ganz vorne mit dabei sein.

Ich denke schon, dass die letzte Saison sehr, sehr interessant war. Ich habe in viele andere Richtungen gearbeitet, da wir festgestellt haben, dass die Konkurrenz stärker geworden ist. Und dann haben wir an verschiedenen Dingen am Schlitten gearbeitet, von denen ich hoffe, dass sie mir letztendlich diese Saison weiterhelfen – auch wenn sie das vielleicht im letzten Jahr noch nicht getan haben. So hat das Schlechte doch wieder auch etwas Gutes. So eine Saison gehört einfach mal mit dazu. Es geht nicht immer nur bergauf, es geht auch mal wieder einen Schritt zurück, aber danach geht es meistens umso besser weiter. Deswegen mache ich mir eigentlich noch keine Sorgen, dass da irgendwie etwas an mir vorbeigegangen oder schiefgelaufen sei und wir nicht mehr vorne mitfahren können.

Natürlich sieht jeder immer nur die Platzierungen und jeder will den Loch auf Platz 1, 2 oder 3 sehen … und eigentlich ist Platz 2 oder 3 schon total schlecht. Diese Außenwahrnehmung ist ganz normal. Das weiß ich, das kenne ich aus den letzten Jahren. Wenn man dann mal nicht ganz vorne mitfährt, liest man vielerorts direkt Negatives, wie es in der vergangenen Saison der Fall war. Aber das hat mich sehr, sehr kalt gelassen. Im Endeffekt ist dann ja doch der zweite Platz im Gesamtweltcup rausgesprungen. So schlecht kann die Saison nicht gewesen sein. Es war eben einfach nur nicht wie die Jahre zuvor. Was man ein bisschen von mir gewohnt war, war dass ein sicherer Gesamtweltcup eingefahren wird … dass irgendeine Medaille eingefahren wird, „meistens“ die Goldene.

Man macht es nur für sich!

Frust ist da allerdings mit Sicherheit schon dabei, wenn es so läuft wie in der letzten Saison. Wir analysieren die Rennen im Nachhinein um zu sehen, was schiefgegangen ist. Und im letzten Jahr waren auch einfach, neben dem vielleicht nicht immer optimalen Material, viele Fahrfehler mit dabei, die ich mir in den Rennen geleistet habe. Und wenn man am Ende zu viele Fahrfehler hat, ist man nicht mehr ganz vorne. Ganz einfach. Und die Konkurrenz, vor allem in der Spitze, ist deutlich besser gefahren. Man arbeitet also weiter, man versucht sich zu verbessern und vor allem zum Ende der Saison ist das ja auch gelungen. Da sind entsprechend auch noch ein Weltcupsieg und ein zweiter Platz rausgesprungen. Jeder denkt immer nur: ‚Der Loch gehört auf Platz eins.’ Aber das funktioniert einfach nicht im Sport. Es geht bergauf und bergab, Verlieren gehört da mit dazu. Und wenn ich nicht verlieren kann, dann bin ich im Sport auch an der falschen Stelle. Mich spornt das an und wir setzen alles daran, wieder ganz vorne zu stehen.

Es stört mich dabei überhaupt nicht, dass die Erwartungshaltung und die Perspektive von außen immer nur Bestleistungen fordern. Das kenne ich aus den Jahren zuvor. In der Berichterstattung heißt es dann hier oder da „Der Loch wird nur Vierter!“ oder zwischendurch auch mal „Der Loch wird nur Zweiter oder Dritter!“ – das ist schon skuril! Darüber muss ich dann schon wirklich lachen, weil viele die Hintergründe gar nicht wissen. Wieso, weshalb, warum? Lag es am Schlitten, war es die Fahrerei? Die Athleten, die mit am Start sind, können das am besten einschätzen. Ungeübte – oder sagen wir besser rodel-ungeübte Leute, die wenig damit zu tun haben – können das schlechter einschätzen. Einige sehen dann nur das Ergebnis und folgern, dass da irgendwo etwas nicht passt. Da ich das über die Jahre so kenne, lassen mich negative Schlagzeilen kalt! Man macht es ja auch nicht für die, die darüber schreiben, sondern für einen selbst. Ich versuche da einfach mein Ding zu machen und versuche mich nicht großartig beeinflussen zu lassen. Im Endeffekt macht es keinen Sinn und du kommst auch nicht weiter, wenn du dich von außen lenken lässt oder dir Sachen durchliest, die geschrieben werden und dir diese auch noch zu Herzen nimmst – den Fehler darf man auf keinen Fall machen.

Eine Saison geht ja nie bei null los. Wir haben eine sehr intensive Analyse der letzten Saison betrieben und wissen, was wir am Material noch verändern wollen und damit ist die Saison 16/17 auch abgehakt. Das Training, also das Athletische, läuft aktuell sehr gut. Der Trainer ist zufrieden und die Werte sind sehr gut. Ich brauche das Abschneiden aus dem letzten Jahr also nicht als Motivationshilfe. Ich brauche das nicht, dass ich mich mit Misserfolgen oder auch mit Erfolgen motiviere – das kommt von ganz alleine. Jetzt geht es bald auf’s Eis. Wir fahren am 25. September nach Lillehammer und ich freue mich schon richtig drauf, wenn es auf den Schlitten geht und ich wieder fahren kann. Das ist die größere Motivation endlich mal wieder am Schlitten zu liegen und zu rodeln! Athletiktraining und der Kraftraum gehören mit dazu, aber die Sportart ist im Endeffekt das Rodeln, darauf freue ich mich am meisten!

Voller Fokus auf Olympia!

Eine sechste Weltmeisterschaft zu gewinnen hat dabei im Moment keinen Fokus für mich, auch wenn es schon diskutiert wurde. Ich muss sagen, in Innsbruck hat es mich letztes Jahr sehr geärgert, da es die Jahre zuvor im Weltcup immer gut funktioniert hat. Ich fahre Innsbruck sehr, sehr gerne. Die Bahn liegt mir sehr gut, es macht mir Spaß, da zu fahren und ich denke, dass das auch heuer wieder so sein wird. Das Problem waren einfach zwei extreme Fahrfehler, die ich mir da geleistet habe. Wir haben kurz vor dem Rennen noch einiges am Material verändert, oder vielmehr habe ich es verändert, weil ich mir einfach unsicher war. Es war schlicht das Spiegelbild der ganzen Saison und dann kommt am Ende leider nur dieser Platz raus. Das stört mich jetzt schon gar nicht mehr.

Die nächste Weltmeisterschaft, die ansteht, ist in Winterberg, quasi zu Hause auf einer deutschen Bahn … da wäre es natürlich schön, wenn es da funktionieren würde. Der Fokus liegt allerdings auf den Olympischen Spielen im Februar, darauf ist alles ausgerichtet. Da wollen wir ganz vorne mit dabei sein und dazu brauchen wir erstmal eine gute Vorbereitung auf Eis.

Foto: Petra Reker

Felix Loch
Bei einem Trophäen-Regal diesen Ausmaßes scheint es, Rennrodler Felix Loch verbringe mehr Zeit bei einem schwedischen Möbelhaus als tatsächlich im Eiskanal: Drei Olympiasiege, zwölf Weltmeisterschaften sowie je fünf Europameistertitel und Deutsche Meisterschaften stehen für ihn zu Buche! Bei Wortathleten.de schreibt der stolze Familienvater über eine turbulente Saison 2016/17.

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