Talent – ein athletischer Diskurs

Talent, das – [Natürliche] Begabung die jem. zu bes. Leistungen in einem best. Bereich befähigt.* Für jeden Sportler am Ende einer langen und harten Trainingseinheit ein reichlich philosophisches Konstrukt. Sprinterin Tatjana Pinto hat nicht Die Antwort auf die Frage. Aber sie hat eine!


Im Laufe meiner Karriere wurde ich mit dem Thema ‚Talent‘ immer wieder konfrontiert – auch wenn ich nicht unbedingt immer als solches galt. Ich habe eigentlich schon sehr früh in meiner Kindheit gemerkt, dass ich schneller bin als die meisten um mich herum. Im Schulsport oder draußen beim Spielen. Es gab aber niemanden, der mir damals gesagt hätte ‚Du hast Talent, geh doch einmal in einen Verein‘ oder so etwas. Letztendlich habe ich dann mit 14 und auf eigene Initiative hin beschlossen, die Leichtathletik auszuprobieren. Aber es ist so, dass ich zu Beginn meiner Karriere nicht unbedingt als talentiert galt. Meine allererste Trainerin hat schon gesehen, dass aus mir etwas werden könnte. Aber bei den folgenden Trainern musste ich immer zuerst einmal Probetrainings absolvieren, damit diese beurteilen konnten, wie talentiert ich sei. Diese Testphasen gingen jeweils über einen Monat und man wusste erst danach, ob man in die Gruppe aufgenommen wird oder nicht.

‚Talentförderung‘ ist ja im Jugendsport ein oft verwendeter Begriff. Bei mir kam das allerdings nicht so direkt vor. (grinst) In der frühen Phase meiner Karriere ging meine Entwicklung auch eher schleichend voran. Mit der Zeit durfte ich dann mal zu einem Kader-Training vom westfälischen Leichtathletikverband mitfahren. In der Jungend galt ich nicht unbedingt als Talent, aber meine Zeiten wurden langsam besser. Bei diesen Kadertrainings wurden immer zahlreiche Tests gemacht und wer bei diesen Tests nicht die besten Zeiten gelaufen ist, der war dann auch eben nicht besonders talentiert bzw. hatte Ambitionen oder eher nicht. So liefen die Definitionen eben ab.

Alter vs. Uhr

Für mich stellte (und stellt) sich eigentlich oft die Frage, was ist denn eigentlich ein Talent und wie erkennt man eines? Die Erfahrungen, die ich in meiner Karriere gemacht habe, sahen dann oft so aus, dass auf der Bahn Lichtschranken aufgestellt wurden, man ist durchgelaufen und wer am Ende eine schnelle Zeit hatte, der war dann halt talentiert. Es wurde vieles anhand der Relation zwischen dem jeweiligen Alter der Sportler und der Zeit definiert. Ich finde, man muss aber gerade bei Jugendlichen zusätzlich noch mehr darauf schauen, wie weit der jeweilige Körper schon entwickelt ist. Wer früher groß und kräftig ist, der hat natürlich Vorteile. Vielleicht läuft es ja dann in der Jugend auch ganz gut. Aber manchen Talent-Scouts fehlt meiner Meinung nach manchmal auch ein gewisses Auge für die Bewegungsabläufe. Bei Talenten sieht man, dass sie von Natur aus vieles richtig machen bei dem, wie sie sich bewegen. Häufig wird aber nur auf die Uhr oder auf die Weite geschaut. Na klar, irgendwie müssen Leistungen messbar gemacht werden – aber wenn man, wie mein Trainer Thomas, erkennen kann, wer einen schnellen Fuß hat, dann ist das eine Menge wert und kann eventuell auch erste gemessene Zeiten weniger relevant machen. Wenn man am Bewegungsablauf erkennt, wie viel Training in den jeweiligen Sportler investiert werden muss, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, dann ist das ein großer Vorteil.

Im Allgemeinen würde ich auch behaupten, eher der Wettkampftyp zu sein. Beim Training hat es mich daher eigentlich auch nie groß interessiert, wenn jemand mal vor mir war, sondern ich habe mir gedacht ‚Ok, im Wettkampf werde ich es dann schon zeigen.‘. Diese Einstellung kann man jetzt irgendwo bestimmt auch als Talent an sich sehen, für mich ist es aber auch eine Frage des Umfelds. Locker drauf zu sein und auch einstecken zu können sind Eigenschaften, die einem auch im Wettkampf helfen – beispielsweise um sich von einem schlechten Start nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Für mich ist es eine Kombination aus dem Umfeld und einem selbst, die den Wettkampftyp ausmachen.

Wenn man zu sehr auf die Zahlen schaut gehen immer wieder Talente verloren!

Ich bin der festen Überzeugung, dass es Talent(e) überall gibt – man muss sie nur suchen bzw. auch dort hingehen, wo manche andere vielleicht gar nicht erst suchen. Viele sind so auf Zahlen oder Weiten oder was auch immer fokussiert, dass sie so manchen übersehen. Ich glaube, dass man sportartenübergreifend jede Menge Talente entdecken kann, wenn man entsprechend flächendeckend (beispielsweise an Schulen oder in Brennpunkten) danach sucht. Es ist aber auch wichtig, dass diese Kinder entsprechende Unterstützung erfahren um den Sport ausüben zu können. Viele brauchen immer etwas Greifbares und Talent ist eben nicht immer etwas Greifbares, das man sofort haben kann.

Talent ist für mich – ganz philosophisch betrachtet – schon bis zu einem gewissen Grad etwas, das man von Natur aus mitbringt. Aus meiner Sicht hat vieles mit den Bewegungsabläufen zu tun, die jemandem von Natur aus eigen sind. Auch diese sind zwar irgendwo zumindest im weitesten Sinne erlernt, wie die meisten Fähigkeiten, die wir als Menschen besitzen, aber sie sind nicht unbedingt Resultat gezielten Trainings. Talent muss aber auch nicht unbedingt etwas Physisches sein. Für mich ist es beispielsweise auch ein Talent, schnell Sachen umsetzen zu können. Wenn mir mein Trainer also eine komplett neue koordinative Übung zeigt und ich sie gleich körperlich umsetze, dann ist das etwas, für das manche mehr Talent besitzen als andere. So etwas ist wiederum ein Beispiel für Veranlagungen, die man schon sehr früh erkennen kann.

Talent vs. Training

Talent ist das eine. Talent alleine reicht aber nicht. Das wissen die allermeisten Sportler. Man muss etwas tun. Man muss trainieren. Das gehört dazu. Bis zu einem gewissen Punkt mag einen das eigene Talent tragen, aber wenn man nichts dafür tut, reicht es eben bis genau dorthin und nicht weiter. Eine gewisse Portion Glück ist natürlich auch dabei – die Umstände müssen passen, Verletzungen können immer passieren … Aber wenn man ganz oben mitspielen will, muss man wirklich hart daran arbeiten – ansonsten kann das gar nichts werden. Talent vereinfacht manches irgendwo, aber es gibt genauso Leute, die nicht so talentiert sind, aber durch harte Arbeit und Fleiß sehr weit kommen.

Spaß gehört natürlich auch dazu. Man sollte lieben, was man tut. Die Leidenschaft für etwas hat keine Grenzen und so kann sich vieles übertragen. Man kann also nicht sagen, nur Talente können es zu etwas bringen. Das harte Training steht an Nummer eins – wenn Talent noch dazu kommt, umso besser. Am Ende geht es also immer um die Relation zwischen Begabung und dem, was man daraus macht – Talent und Training!

*Definition u.a. nach Duden und Oxford.

Tatjana Pinto
Tatjana Pinto ist 24 und blickt bereits auf zwei Olympiateilnahmen und ein Olympiatattoo zurück. Ihre Freizeit verbringt die zweifache Deutsche Meisterin im 100m Sprint meist in Aristoteles-Pose und mit nachdenklichem Blick in die Ferne ... vermuten wir zumindest mal.

Ähnliche Artikel

Traum(Tor)Jäger Drei Tore in den ersten zwei Einsätzen bei den Profis – viel besser hätte man Okyere Wriedts Einstieg beim FC Bayern München selbst am Reißbrett nicht...
Die unsichere Kugel ProA? Kennt er! Aufsteigen? Kann er! Label sind für den neuen Trainer der Rheinstars Köln schnell gefunden. Aber wie sieht der Coach selbst das äußers...
Der ultimative Wortathlet 1/2 Ben (31, dt. Meister im Scrabble) sah Wortathleten.de und sagte zu uns "Die Seite ist ja cool, aber der wahre Wortathlet, das bin ja wohl ich!" Da kon...