KAI HÄFNER / HANDBALL

Von Sportlern für Sportler

Die Sportförderung in Deutschland wird nicht erst seit Matthias Bühlers Interview kontrovers diskutiert. Handball-Nationalspieler Kai Häfner hat gemeinsam mit vier weiteren Profis ein Konzept auf lokaler Basis entwickelt und spricht darüber hinaus auch über die Verantwortung von Profisportlern für die nächste Generation.


Detaillierte Informationen zum Projekt

Ich wollte schon länger ein solches Projekt über ein paar Jahre begleiten und mich entsprechend engagieren und schlussendlich war unsere Heimatstadt Schwäbisch Gmünd der gemeinsame Nenner für mich und die anderen, denen es genauso ging. Bei der Ausarbeitung der Idee hat sich der Sport sehr schnell als das Ziel unseres Engagements herauskristallisiert, da wir alle aus dem Bereich kommen und mit dem Thema am besten vertraut sind. Wir wollten uns schlicht dort engagieren, wo wir uns auskennen. Sport ist dabei natürlich so viel mehr, als einfach nur samstags Fußball zu schauen. Sport hat so viel Energie und überwindet so viele Brücken. Wo kommen Kids öfter zusammen und legen sämtliche Vorurteile ab? Für mich ist die Antwort der Sport, denn er holt einen auch von vielen Sachen weg. Um welche Sportart es dabei geht ist absolut nebensächlich. Es ist mir wichtig, mich mit dem Projekt ehrlich und auf authentische Art und Weise identifizieren zu können und nicht nur für irgendetwas den eigenen Namen herzugeben.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ohne meine Eltern, die mich früher mittags zum Training gefahren und dann ihre Zeit dort verbracht haben, meine Karriere mit Sicherheit auch nicht in der Art möglich gewesen wäre, wie ich sie heute lebe. Und ich bin mir bewusst, dass nicht jeder junge Athlet zwangsläufig diese Möglichkeiten hat. Als Sportler muss man natürlich auch selbst eine Menge investieren, sowohl Zeit als auch Geld. Aber man braucht mit Sicherheit auch externe Unterstützung, damit bestimmte Dinge wie beispielsweise Trainingslager (ob nun für Team- oder Individualsportler) realisiert werden können und all diese Dinge kosten nun einmal Geld. Das aufzutreiben ist zweifelsohne schwer für eine Menge von Sportarten, die nicht gerade ‚Fußball’ heißen und genau dabei wollen wir mit unserem Projekt helfen. Dafür werden wir für die kommenden fünf Jahre jeweils eine Summe von jährlich 10.000 € zur Verfügung stellen und in Sportprojekte in unserer Heimatstadt investieren.

Oft ist es uns nur um die Weihnachtszeit herum möglich, uns zu fünft in der Heimat zu treffen. Im letzten Jahr hat mir Alexander Zorniger dann die Grundidee vorgestellt und mich gefragt, ob ich grundsätzlich Interesse daran hätte. Es hat sich sehr gut mit dem gedeckt, was ich selbst vorhatte, daher kam mir diese Idee sehr recht. Alexander ist ja auch eng mit Dominik Kaiser und Andreas Hofman befreundet und hat sie auch schon trainiert. Ich selbst kenne die beiden auch privat sehr gut. Mit Dominik habe ich früher Fußball gespielt und Andreas ist der Mann meiner Cousine. Es ist also alles eng verknüpft. Dass Carina Vogt dann auch mit dazugekommen ist hat das Projekt abgerundet. Wir haben also zu fünft gebrainstormt und sind letztendlich auf die Stadt zugegangen, um das Ganze ins Rollen zu bringen.

Die Logistik hinter dem Projekt ist natürlich unserer Situation als Profisportler verschiedener Disziplinen mit teilweise stark unterschiedlichen, aber allgemein gut gefüllten, Zeitplänen angepasst. So banal es klingt, aber es gibt eine zentrale WhatsApp-Gruppe, in der Neuigkeiten geteilt und besprochen werden. Alexander Zorniger ist darin so etwas wie der Admin, der als Vorreiter das Ganze in die Hand genommen hat. Die Kommunikation ist wichtig, da es für uns sehr schwierig ist, uns zu treffen. Beim Startevent haben es beispielsweise alle von uns zur Veranstaltung geschafft … außer mir, denn ich hatte an dem Abend ein Spiel. Das war natürlich nicht besonders toll aber auch ein Stück weit exemplarisch für das, was bei unserer Arbeit auf uns zukommen wird. Ich habe also entsprechend eine Videobotschaft aufgenommen, um trotzdem Teil der Veranstaltung sein zu können. Auch wenn es nahezu unmöglich sein wird, immer alle von uns bei einer gegebenen Veranstaltung vor Ort zu haben, so wollen wir doch, wann immer möglich, auch unterschiedliche Sportler vertreten haben. Für uns ist nicht das Geld das einzig Entscheidende, denn oft ist mit einem Besuch oder einer Trainingseinheit noch mehr getan als mit einem Euro.

Es ist uns wichtig, dass wir auch mit der Präsenz unserer Wenigkeiten dort vor Ort sind und helfen. Die Stadt freut sich darüber! Die Zuständigen waren sehr angetan von der Tatsache, dass die Initiative von uns Sportlern kam. Außerdem war es uns wichtig, die Stadt mit ins Boot zu holen um die Bürokratie, den Verwaltungsaufwand sowie die Kosten, die dadurch entstehen, so gering wie möglich zu halten um sicherzustellen, dass das Geld, das wir zur Verfügung stellen, auch komplett zurück in den Sport geht.

Ich finde eine solche Kombination aus Fachexperten, also den aktiven oder ehemaligen Athleten, und externen Experten (wenn man sie so nennen mag) von BWL-Fachleuten bis zu den Vertretern der Stadt dabei extrem wichtig, wenn nicht sogar eine der wichtigsten Sachen. Dieses Zusammenspiel ist mehr als förderlich und absolut notwendig. In jeder Firma gibt es bei Projekten Interviews mit Experten aus den jeweiligen Bereichen, um entsprechende Einblicke zu bekommen. Und wer könnte für Projekte, die mit Sport zu tun haben, ein besserer Ratgeber sein, als ehemalige oder aktive Sportler? Diese Erfahrungen zu nutzen und zu einem Ergebnis zu führen ist für mich mit das Wichtigste. Man wäre ja dumm, wenn man diese Erfahrung nicht nutzen würde.

Die allgemeine Verantwortung eines Athleten bzw. seine Aufgabe in Bezug auf die Förderung der nächsten Generation von Sportlerinnen und Sportlern ist natürlich ein unglaublich breites Themenfeld und als solches zweifelsohne eine eigenständige Story und die entsprechende Diskussion dazu wert. Aber ganz konkret ist mir selbst im Rahmen der Olympischen Spiele aufgefallen, wie schwer es manchen Athletinnen und Athleten fällt, das Trainingspensum in den Leistungszentren oder den Olympiastützpunkten zu absolvieren, Trainingslager zu besuchen und nebenbei auch noch die Miete zu bezahlen. So dramatisch ist es bei uns Handballern nicht, auch wenn ich beispielsweise nebenbei auch studiere. Uns geht es in der Zeit, in der wir spielen, ganz gut, aber trotzdem braucht man etwas für die Zeit danach. Im Allgemeinen ist jedoch das Bestehen von Unterschieden in der Förderung zwischen verschiedenen Sportarten genauso klar, wie der Bedarf an zusätzlicher Förderung auf vielen Leveln. Die Bedingungen deutscher Leichtathleten mit denen der US-Amerikaner, die aus einem ganz anderen Sportsystem kommen, zu vergleichen führt hier sicherlich zu weit und ist von uns allein vor allem auch sicher nicht zu entschlüsseln. Wir versuchen daher im Rahmen unserer Möglichkeiten sowohl konkret zu helfen als auch ein Zeichen zu setzen.

Am Ende gewinnt natürlich nur jeweils ein Projekt pro Kategorie, aber vielleicht haben sich dafür noch zehn andere Vereine Gedanken gemacht, wie sie etwas verändern können. Und das wäre doch perfekt, wenn sich mehr Leute Gedanken über sinnvolle Projekte im Sport machen würden.

Kai Häfner
Tief verwurzelt mit seiner Heimatstadt Schwäbisch Gmünd rief Handball-Nationalspieler Kai Häfner eine Initiative für die Förderung des lokalen Sports ins Leben.

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